SexyKapitalismus

Verkopfte Theoriesamples und eine Sammlung von Texten, die Teil unserer Sendungen geworden sind. Im Rhizom findet ihr weitere Links zu Info- und Edutainment-Seiten.

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Slavoj Zizek - Die Unf?higkeit zu lieben

Warum das Rauchen notwendig und vor allem auch politisch ist. Eine kleine Theorie der Bel?stigung

Ein Gespenst geht um in der entwickelten westlichen Welt ? das Gespenst des Rauchens. Zuerst waren es die R?umlichkeiten von ?mtern und Beh?rden, die zu
"rauchfreien Zonen" erkl?rt wurden. Dann kamen die Flugzeuge an die Reihe, dann Restaurants, Flugh?fen und sogar die Universit?ten. Als vorl?ufiger
H?hpunkt dieser Entwicklung in einem einmaligen Akt p?dagogisch motivierter Zensur, der uns an die stalinistische Praxis erinnert, unliebsam
gewordene Mitglieder der Nomenklatur von Fotografien wegzuretuschieren hat die amerikanische Post die Zigarette entfernt, die auf Briefmarken mit
Portr?ts des Blues-Gitarristen Robert Johnson und des Malers Jackson Pollock zu sehen war. Gegenw?rtig gibt es Bem?hungen, das Rauchen auch noch auf der Stra?e und in ?ffentlichen Parks zu verbieten. Geht es noch schlimmer?

Christopher Hitchens hatte Recht, als er bemerkte, dass nicht nur die medizinischen Befunde ?ber das passive Rauchen ungesichert sind, sondern auch diesbez?gliche Verbote nur verwundern k?nnen, wenn sie darauf hinauslaufen, "zu unserem Besten" zu sein: Derlei ist "auf grundlegende Weise falsch, weil es das Ideal einer ganz und gar beh?teten Welt
impliziert, in der wir ohne Schmerzen, sicher und komplett gelangweilt leben". Mit anderen Worten: Zielen die Rauchverbote nicht auf das exzessive
Genie?en des Anderen, auf ein Genie?en also, das uns bedrohlich erscheint, weil in ihm die blanke Unverantwortlichkeit (angesichts der gesundheitlichen Folgen) mit der unverfrorenen Lust zusammenkommen? Wovor haben wir also Angst, wenn wir das Rauchen mit guten Gr?nden zu verbieten glauben?

Angst vor Fl?ssigkeiten


Das exzessive Genie?en steht im Gegensatz zu der vor allem durch Bill Clinton bekannt gewordenen Yuppie-Version: Rauchen ohne Inhalieren oder, um
weitere M?glichkeiten zu nennen, Sex ohne Penetration, Essen ohne Fett, Kaffee ohne Koffein. An der Spitze dieser Reihe m?sste die Rede von der
"Gefahr des passiven Rauchens" stehen. Sie erinnert n?mlich an die in unserem Post-AIDS-Zeitalter grassierenden Angst, nicht nur durch direkten
K?rperkontakt angesteckt zu werden, sondern auch indirekt etwa durch fein verspr?hte Fl?ssigkeiten (man denke nur an das Niesen), Bakterien, Viren...
Was dar?ber hinaus das Rauchen zu einem so bevorzugten wie leichten Ziel "f?rsorglicher" Verbote macht, ist die M?glichkeit, hinter der Sucht die dunklen Machenschaften der gro?en Tabakkonzerne zu entdecken: Wir k?nnen unsere Angst vor dem exzessiven Genie?en als anti-kapitalistische Kritik kost?mieren.

Die Ironie dieser Art von Entlarvung liegt darin, dass vor allem die Tabakindustrie mit den Milliarden von Dollars, die sie in Folge der
Anti-Raucher-Kampagnen bereit war zu zahlen, den
medizinisch-pharmazeutischen Komplex finanziert der bekannterma?en zu den m?chtigsten industriellen Komplexen in den Vereinigten Staaten geh?rt,
zweimal so gro? wie der ber?chtigte milit?rische Komplex. Abgesehen davon hatten die Anti-Raucher-Kampagnen samt entsprechender Gesetze bislang keine
nennenswerten Gewinneinbr?che bei den abakkonzernen zur Folge. Wer nach dem Erfolg solcher Kampagnen fragt, muss woanders suchen.

Zun?chst einmal sind Anti-Raucher-Kampagnen in ihrer Gesamtheit nichts anderes als eine Form des Narzissmus vergleichbar mit dem lange Zeit
?blichen Anti-Rassismus, der uns irgendwie als bessere Menschen f?hlen lie?. Man denke nur an Stanley Kramers ber?hmten Film Rat mal, wer zum Essen kommt. Dort besucht der Angetraute (Sidney Poitier) der wei?en Tochter aus gutem Hause (Katharine Hepburn) die zuk?nftigen Schwiegereltern (mit Spencer Tracy als Vater); der einzige "Nachteil" des jungen, gutaussehenden,
gebildeten und nicht unverm?genden Mannes liegt darin, dass er schwarz ist.
Kaum verwunderlich, gelingt es der Tochter nach einigem Hin und Her dennoch, die Eltern von den Vorz?gen ihrer neuen Liebe zu ?berzeugen die Vernunft, unser aller Vernunft, siegt ?bers Ressentiment. Mag er auch schwarz, also anders oder fremd sein, einen solchen Nachbarn dulden wir Wei?e nur zu gern in unserer Mitte: Seine Anwesenheit schmeichelt uns.

Wie steht es demgegen?ber mit dem Afro-Amerikaner in Spike Lees "Film Do the Right Thing", der die Wei?en damit bel?stigt, dass er mit seinem laut
dr?hnenden Ghettoblaster durch die Gegend spaziert? Zeigt sich darin nicht viel eher jenes exzessive Genie?en, das wir zu tolerieren lernen sollten?
Lees Afro-Amerikaner ist eine gutes Beispiel f?r die "schwerwiegendere" Variante der Bel?stigung durch eine uns "fremde" Kultur oder Praxis. Ein
anderes Beispiel: Ist die Obsession, die uns mit der "sexuellen Bel?stigung" besch?ftigen l?sst, nicht immer auch eine Form der Intoleranz ? ganz im
Sinne der "zero tolerance", diesen Orwellschen Begriff, den alle Verfechter von law and order im Munde f?hren gegen?ber dem exzessiven Genie?en des
Anderen? Mit anderen Worten, zielt der insgeheim allen K?mpfen gegen "Bel?stigung" zu Grunde liegende Wunsch nicht auf das individuelle Recht,
von seinen Nachbarn einfach nur in Ruhe gelassen zu werden, vor ihrer Form des exzessiven Genie?ens gesch?tzt zu sein?

Die meisten Gerichte in den westlichen Gesellschaften kennen ein Ma?, um jemandem das "Gebot der Zur?ckhaltung" aufzuerlegen: Wenn eine Person eine andere wegen Bel?stigung anzeigt (sie sei der anderen zu nahe getreten, h?tte unbegr?ndet sexuelle Avancen gemacht etc.) und es zu einer Verurteilung kommt, dann darf sich die verurteilte Person dem Opfer nicht weiter als 100 Meter n?hern. Doch so wichtig diese Regelung ist, so ernst wir den Tatbestand der Bel?stigung nehmen m?ssen: Die Verteidigung gegen jedwede Form der Bel?stigung bedeutet immer auch eine Abwehr des Realen, so wie es uns im Begehren des Anderen begegnet, anspricht und herausfordert auffordert, ihm zu antworten. Ist es nicht so, dass in der Passion, mit der wir uns jemandem offenbaren, etwas furchtbar Gewaltsames liegt, eine Art Infragestellung dessen, was er oder sie ist? Der Wortbedeutung nach verweist Passion auf Leiden, sie verletzt ihr Objekt. Selbst wenn ihr Adressat
gl?cklicherweise akzeptiert, Objekt eines leidenschaftlichen Begehrens zu
sein, er oder sie wird es nicht ohne ein Moment von (Ehr)Furcht oder ?berraschung tun.

Hegel hat es gewusst: Intoleranz gegen?ber dem Anderen hat mit einem starren, also ganz und gar unbeweglichen und damit bornierten Blick zu tun,
der sich auf nur einen Aspekt des Anderen versteift und der in dessen Begehren deswegen nur eine schroff entgegengesetzte Andersheit entdecken
kann; der eindimensional zugerichtete Andere wird dann zur Bedrohung, denn er erscheint in seiner Einfachheit selbst als Ausbund der Intoleranz, als im strengen Wortsinne primitiv. Alles funktioniert hier wie eine self-fulfilling prophecy. Konkret gewendet: Wir sollten prinzipiell misstrauisch gegen?ber der Obsession sein, mit der sich gerade M?nner gegen die "sexuelle Bel?stigung" von Frauen engagieren. Sobald wir n?mlich hinter diese wohlfeile Maskerade schauen, kommt der gute alte chauvinistische Mythos zu Tage, demzufolge Frauen hilflose Wesen sind, die man besch?tzen muss nicht nur vor den M?nnern, sondern insbesondere vor sich selbst. Das Problem liegt hier nicht nur in der Unterstellung, dass Frauen sich nicht allein zu helfen wissen, sondern dass sie wom?glichen Gefallen an der "sexuellen Bel?stigung" finden, weil dies ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung
sichert: sehenden Auges und freudig genie?end der eigenen Unterwerfung zu!

Ekel vor den anderen



Immer wenn von Bel?stigung die Rede ist, sollten wir uns fragen, welcher Begriff von Subjektivit?t dem zu Grunde liegt. Ist es eine narzisstische
Subjektivit?t, die alles, was die anderen tun (Ansprechen, ja, bereits Anschauen) als Bedrohung wahrnehmen muss, weil sie darin allein eine
fundamentale Infragestellung ihrer selbst sehen kann? Ist die Konjunktur des Themas Bel?stigung (durch was auch immer), der Anti-(was auch
immer)-Kampagnen nicht auch Symptom f?r unsere zunehmende Unf?higkeit, mit dem Begehren des Anderen umzugehen, uns auf das Risiko, das im Genie?en des Anderen liegt, einzulassen? Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang nur an den Ekel angesichts der Anderen, von dem Sartre einst sprach, oder an die Scham, die wir angesichts des Anderen einzig in der Lage sind zu empfinden.

Doch zu was sind diese eher abstrakten ?berlegungen gut? Nun, sie k?nnen zum Beispiel erkl?ren, warum die Freie und Hansestadt drei Fernbahnh?fe hat:
Hamburg Hauptbahnhof, Hamburg Dammtor und Hamburg Altona. Alle drei liegen auf derselben Strecke, nur wenige Minuten voneinander entfernt. Was den
kurzen Abstand zwischen der ersten beiden Stationen angeht, ist klar: Die herrschende Klasse wollte einen Bahnhof f?r sich allein, um nicht auf das
gemeine Volk treffen zu m?ssen. Geheimnisvoller ist dagegen die Existenz des dritten Bahnhofs Altona.
Es ist noch nicht einmal genau gekl?rt, woher
dieser Name kommt. Einige erz?hlen, er h?tte etwas mit einer fr?her am Rande Hamburgs gelegenen d?nischen Ansiedlung zu tun: Sie sei "all to nah" (viel zu nahe). Andere wiederum erz?hlen, die Herkunft ginge auf die Redewendung "all ten au" zur?ck (am Bach gelegen). Wie auch immer, seit dem fr?hen 16. Jahrhundert beklagen sich die B?rger Hamburgs ?ber diese kleine, der Herkunft nach d?nische Siedlung, die vom Stadtzentrum aus in westlicher Richtung liegt.


Ausgehend von der "all to nah"-Theorie k?nnten wir uns an das italienische Sprichwort erinnern: Se non e vero, e ben*trovato selbst wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden. Genau in diesem Sinne ist nach Freud auch das Symptom zu verstehen: als eine Art hysterische ?u?erung, die, auf der Ebene der Tatsachen, nicht wahr sein kann, die aber insofern "gut erfunden" ist, als in ihr die Resonanz eines unbewussten Wunsches zu vernehmen ist. In der gleichen Weise liegt die symbolische Funktion der dritten Station (Altona) darin, alle Fremden und Zuwanderer, all diejenigen also, die "all to nah" kommen, auf Distanz zu halten. Ebenso werden dadurch die eigentlichen sozialen K?mpfe (Klassenk?mpfe, wenn man so will) durch
einen anderen Kampf ersetzt; aus dem Widerspruch zwischen den Klassen wird einer zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen "uns" (der homogenen Nation, in der alle Klassengegens?tze ?berwunden sind) und "denen" (den fremden und zumal bedrohlichen Eindringlingen).

Wie wunderbar, jedem sein Altona? Das ist die schwierigste aller Fragen! Altona, seine Funktion innerhalb der symbolischen Ordnung, h?lt uns das
exzessive Genie?en vom Leib. Die Folgen sind Verwerfungen und Ausschluss.
Doch zugleich g?be es keine Ordnung ohne irgendeine Distanz im Sozialen. Erst mal eine rauchen.

Aus dem Englischen von Christian Schl?ter. Slavoj Zizek arbeitet derzeit am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

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aus: Frankfurter Rundschau vom 28.11.2001
Ausgabe: D
Ressort FEU
Datenbank FR
Dokumentennummer: 938561


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