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Hartmut Landauer - Meine Tage mit Che Guevara, Chruschtschow und Fidel
Hartmut Landauer

Bevor ich meinem kleinen Heimatdorf f?r immer den R?cken zukehren w?rde, hatte ich beschlossen, noch einmal den alten Schulweg entlangzugehen, um zu sehen, ob er noch da war: jener Kaugummiautomat auf halber Strecke zwischen Schul- und Elternhaus. Ich bog um die Ecke, als ich eine M?dchenbande gewahrte, die das kleine rote Metallk?stchen mit einem Feuerwerksk?rper in die Luft sprengte. Da flogen sie davon, meine kleinen s??en runden Kindheitstr?ume. Die M?dchen hatten es bestimmt nicht b?se gemeint, doch sie best?rkten mich in meinem Entschluss, in die Welt hinaus zu fahren und nie wieder zur?ckzukehren. Ich fuhr mit dem Schiff von Antwerpen nach Havanna, wo mich Che vom Hafen abholte, um unsere zuk?nftige gemeinsame WG zu inspizieren. Die kleine Bude befand sich im vierten Stockwerk eines heruntergekommenen herrschaftlichen Mietshauses an der Rampa mit Blick auf das soeben in ?Habana Libre? umbenannte Hilton.

Che und Fidel teilten sich ein Zimmer mit Ventilator. Ich selbst bezog eine kleine stickige Kammer neben der Latrine. Da stand er auch schon in der T?r: ?Herzlich willkommen in Havanna?, sagte Fidel und schenkte uns einen billigen Zuckerrohrschnaps ein, von dem er behauptete, dass es sich um Rum handle. ?Den haben die Revolution?re selbst gebrannt?, f?gte er nicht ohne Stolz hinzu und kippte den Inhalt seines Bechers in eine ?ffnung auf dem Grunde seines Bartes. ?Als wir noch studierten, hast du immer gro?en Wert auf die t?gliche Rasur gelegt?, meinte ich zynisch. Mir kamen meine beiden Kumpel ziemlich verwahrlost vor. ?Alle freien Kubaner tragen jetzt Bart! Auch dein Rasierzeug wird konfisziert werden!?, lachte Fidel k?nstlich und stopfte das nach Trester stinkende Loch mit einem Tabakkorken. Er salutierte und verlie? die Wohnung.

Ich sp?lte erst mal ab, um die K?che erkennen zu k?nnen, w?hrend sich Che an seine Schreibmaschine setzte. Er hockte im Schneidersitz auf dem Boden und tippte unertr?glich kitschige Liebesgedichte, die er theatralisch intonierte, um meine Meinung dar?ber zu erfragen. ?Was wird eigentlich meine Aufgabe sein??, unterbrach ich seine Schmachtkanonaden. ?Du wirst mich morgen ins Ministerium begleiten, dann sehen wir weiter. Nikita Chruschtschow kommt auf Staatsbesuch.? Ich hatte mir die postrevolution?re Aufbauphase auf Kuba beileibe anders vorgestellt, aber ich wollte kein Spielverderber sein. Die halbe Nacht lang reparierte ich im Hof Ches alten Jeep: Che wollte am n?chsten Tag nicht wie gew?hnlich mit dem Fahrrad am Regierungsviertel vorfahren. Wie gut, dass ich mein Werkzeug mitgenommen hatte.

?Venceremos?, br?llte Guevara und stand mit zwei Miniaturt?sschen frisch aufgebr?hten Chicoreekaffees vor meinem Schlafsack. Der Morgen blinzelte in das offene Fenster meiner Kammer. ?Die Revolution braucht keine Schnarchnasen?, dr?hnte er. Ich hatte einen Alptraum von einer Kaugummiautomaten-Sprengung gehabt und brauchte lange, um mich zu sammeln. Wir fuhren den Malecon entlang, wo sich bereits die ersten Angler eingefunden hatten. Es war ein herrlicher Morgen.

Che parkte den Jeep direkt vor dem Parlament. Fidel und Chruschtschow standen schon vor dem Haupteingang und verteilten Autogramm an die Fr?haufsteher. ?Guten Morgen, Genossen!?, rief Nikita und knutschte uns ab. Er roch nach Alkohol und auch der Maximo Lider schien schon gebechert zu haben, als ich seinen ungeschickten Bruderkuss empfing.
Wir setzten uns in das kleine Konferenzzimmer, wo Raul, Castros j?ngerer Bruder und Verteidigungsminister sowie Camilo Cienfuegos bereits mit Chicoreekaffee und weichen Keksen warteten. Au?er dem amerikanischen Geheimdienst in Form von Putzpersonal war niemand anwesend. Der Kremlchef packte eine kleine Atombombe aus und stellte sie auf den Tisch. ?Dies ist mein Angebot...?, fl?sterte er gewichtig. ?...Kommunismus plus Atombombe f?r Kuba oder... Abbruch der Verhandlungen und keine Atombombe!?, prustete er lachend hervor.

?Kommunismus und Atombombe f?r Kuba!!?, schrie Fidel und unterzeichnete den Bruderstaatenpakt mit einer ?bertrieben schn?rkeligen Unterschrift. ?Du gef?llst mir!?, sagte Nikita und begrub den Kubaner unter schmatzenden K?ssen. Che schaute mich an und verdrehte die Augen. ?Das ist typisch Fidel?, fl?sterte er mir ins Ohr, ?er f?llt alle Entscheidungen allein.? Ich hasste Chruschtschow, ich hatte ihn schon immer gehasst. Doch jetzt kam er mir noch viel widerw?rtiger vor mit seinem fetten schlitz?ugigen Grinsen. ?Er ist nicht nur der allergr??te Antiimperialist, er ist auch das allergr??te Arschloch?, dachte ich und verlie? die Tafelrunde, um an einem ge?ffneten Fenster Luft zu schnappen.

?Alles setzen!? br?llte der Sowjet. ?Auch der Deutsche! Jetzt wird gefeiert!? Raul und Camilo servierten das zweite Staatsgeschenk: eine F?nf-Literpulle Kartoffelschnaps, von dem Chruschtschow behauptete, dass es sich um Wodka handle. Die Mittagshitze kroch durch die Fenster als der Kanister den letzten Schluck ausspuckte. Ich hatte mir all die hundert Gl?schen in den Kragen gesch?ttet und war n?chtern wie das Neugeborene einer Zeugin Jehovas. Nur mein Hemd war nass und stank entsetzlich nach Taiga. Die frischgebackenen Kommunisten und der dicke Russe lagen unter dem Tisch.

Schnell entsch?rfte ich die Atombombe und warf den Z?nder aus dem Fenster. Dann legte ich mir den Che ?ber die Schulter und eilte mit dem B?rtigen huckepack zu dessen Auto. Der Jeep lie? mich nicht im Stich. Ich raste zum Hafen. In diesem Augenblick gab das chilenische Frachtschiff NERUDA das Signal zum Auslaufen. Ich hastete humpelnd mit meinem besoffenen Gep?ckst?ck ?ber den Kai und bekam im letzten Moment eine der soeben gel?sten Leinen zu fassen. Zwei Chilenen zogen uns an Bord. ?Ist das nicht Ernesto Che Guevara??, fragte einer der beiden Matrosen.

?Sehr richtig!?, antwortete ich und schraubte meine ausgekugelten Arme zur?ck in ihre Pfannen. ?Sorgen sie daf?r, dass dieser Mann in S?damerika weitere Revolutionen anzettelt, er taugt nicht zum Beamten!? sagte ich und sprang in das Hafenwasser. Ich fuhr mit dem Jeep zur?ck in die WG, rollte meinen Schlafsack zusammen, schrieb Fidel einen Abschiedsbrief und ging zu Fu? zum Malecon. Ich verscheuchte ein paar Jugendliche von ihren LKW-Schl?uchen, mit denen sie im Wasser herumtollen und band mir daraus ein Flo? zusammen. Drei tage sp?ter hatte ich Key West erreicht. Ich trampte nach Miami und nahm den n?chsten Flieger nach Berlin.


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