SexyKapitalismus

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Lars Quadfasel - Happy Birthday, Heroin!
www.abenteuerundfreiheit.de

Eine Geburtstagsfeier zum 100. Geburtstag von Heroin ist eine merkw?rdige Angelegenheit, denn sie ist die Feier eines gro?en Mangels. Sie hat kein feierndes Subjekt: Die, die Heroin auf der Szene nehmen, haben selten Zeit und Mu?e, entspannt ihre Droge per Party zu w?rdigen, wenn sie nicht ohnehin finden, da? es wenig zu feiern gibt; die GebraucherInnen, die Zeit und Mu?e h?tten, weil sie ein stre?freieres Leben f?hren, scheuen meist das ?ffentliche Bekenntnis zum Konsum und freuen sich, da? keine Verelendung sie bisher dazu zwang; und die, die sich vom radical chic einer Heroinparty angezogen f?hlen, lieben in der Mehrzahl, so wagen wir zu prophezeien, eher den Chic als den Stoff. Die AdressatInnen fehlen ebenso, zumal die am einfachsten zu bestimmenden jene sind, die nicht dabei sein sollen: die Drogenkrieger aller Couleur mit ihrem machtvollen Gerede vom Heroingebrauch, der krank, kriminell und therapie- bzw. strafw?rdig sein soll, werden - so ist zu hoffen - einmal dar?ber stolpern, da? andere von der Feier des Heroins, vom Genu? am Opiatrausch k?nden. Das aber hei?t, da? auch der Zustand, der hier inszeniert wird, nicht existiert: ein Zustand, unter dem es kein Verbrechen bedeutet, das Sch?ne am Heroinrausch zu w?rdigen und vom Leid, das dieser unter herrschenden Bedingungen zeugen kann, zu schweigen; ein Zustand also, in der nicht jede Rede ?ber Heroin redlicherweise die Form der politischen Forderung annehmen mu?. Eine solche Rede, eine nicht fordernde, sondern ehrende, eine Laudatio also, gilt, ein letztes Problem, dar?berhinaus einer Substanz, der nur von ihren GegnerInnen zugestanden wird, eigenst?ndige Leistungen vollbringen zu k?nnen - wie krank und abh?ngig machen , und diese gelten ihnen keinesfalls als ehrungsw?rdig. Wor?ber also reden - und f?r wen - wenn alles fehlt: ein Subjekt, dessen AdressatInnen, ein ihm gem??es Setting und dessen Gegenstand?

Andere DrogenuserInnen kennen dieses Problem nicht. Von KifferInnen wissen wir eher, da? sie ihre Klappe nicht halten k?nnen, wenn es um die W?rdigung ihrer Lieblingssubstanz geht. Ihren Genu? ?ffentlich zu inszenieren, haben sie reichhaltig Material, von den doofen T-Shirts, die nicht mehr nur in Amsterdam verkauft werden, bis zum bedeutungsschwangeren Lesen von Klassikern des Rausches, Baudelaire wie Klaus Mann. Inzwischen ist aus dieser Feier der Kiffenden selbst sogar eine sich auf Hanfparaden manifestierende Bewegung geworden, die politisch - als gute Staatsb?rgerInnen - und ?konomisch - als KonsumentInnen und Schaffer von Arbeitspl?tzen - um gesellschaftliche Anerkennung buhlt. Von LSD- und Ecstasy-KonsumentInnen kennen wir die begeisterte, manchmal an HandelsvertreterInnen erinnernde Werbung, doch auch mal einen Trip zu werfen, bei dem Wunder was passiere, das nat?rlich sich wortreich ausschm?cken l??t. Parties lassen sich in Musik und dazugeh?riger Optik pr?chtig f?r die jeweiligen GebraucherInnen gestalten. Auch von KokserInnen gibt es ?ffentliche Bilder, wie diese ihren Genu? inszenieren, und wenn diese Bilder auch nicht immer wohlwollend sind, so wird den UserInnen dieser Droge doch eines zugestanden: da? sie n?mlich wissen, was ihnen die Wirkung bringt, ob Selbstvertrauen oder Potenz; und zumindest kann, wer einen Prominenten sucht, der den Drogenkonsum durch sein Zeugnis adelt, auch beim Kokain f?ndig werden - bei Sherlock Holmes, bei Freud oder bei Eckhart Witzigmann. Durch die Illegalit?t von Drogen, die auch die Werbung f?r den Konsum unter Strafe stellt, ist es also nicht hinreichend zu erkl?ren, warum das alles beim Heroin fehlt - warum es f?r OpiatkonsumentInnen keine Spezialshops und keine Hoch- oder Trivialliteratur, keine Parties und keine Rituale gibt, die den Heroinrausch pr?sentabel und damit repr?sentierbar machen, warum, mit anderen Worten, niemand wei?, welche Musik, welcher Tanz und welche umw?lzenden Rauscherlebnisse zum Heroin passen, wie man sich also auf einer Heroinparty eigentlich zu verhalten hat. Dieser Umstand wird umso r?tselhafter, wenn man in Betracht zieht, da? auch aus der Zeit, als Morphium und Heroin nicht nur legal, sondern auch angesehen waren, keine Pr?sentationsformen des Rausches ?berliefert sind. Von den Pariser Morphiumkr?nzchen aus dem 19. Jahrhundert ist nur bekannt, da? die Damen goldenes oder silbernes Spritzbesteck verwandten, nicht aber, wor?ber man sich zu einem guten Schu? unterhielt: Tauschte man sich ?ber Morphiumsorten aus wie ?ber Teesorten, fa?te man den Flash in Worte oder beachtete man ihn nicht, w?hrend ?ber die Nichtanwesenden geklatscht wurde? Ebensowenig wissen wir, warum die Boh?me der Goldenen 20er Jahre Opiate sch?tzte, denn sie hinterlie? keine Elogen auf sie.

Die Wirkung von Heroin, der Genu?, den es bietet, ist ein schwarzes Loch. Nicht, da? irgendjemand scheitern w?rde beim Versuch, den Heroinrausch zu ver?u?ern, ihn anderen zu pr?sentieren und damit mit ihnen auch zu teilen; dazu kommt es gar nicht erst. Es scheint sich etwas zwischen den Rausch und dessen Mitteilung zu legen, das eine oder einen gar nicht erst auf die Idee kommen l??t, sich ?berhaupt mitteilen zu wollen. Fast k?nnten sich Unbedarfte fragen, ob sich beim Heroingebrauch tats?chlich irgendeine genu?volle Wirkung einstellt, und blo? - mal abgesehen vom Eigenversuch - die Reflexion darauf, was Menschen f?r diesen namenlosen Genu? auf sich zu nehmen bereit sind, wie sie strahlen k?nnen, wenn er sich dann einstellt, und in welch schlechte Gesellschaft man sich mit der Unterstellung begeben m??te, da? kein Genu? vorl?ge - in die der Pathologisierer n?mlich, die im Gebrauch nur ein Symptom sehen k?nnen -, nur diese vermittelnden Gedanken also verm?gen vom Gegenteil zu ?berzeugen. Blo? negativ huscht der Heroingenu? ins Bewu?tsein.
Das hei?t nat?rlich nicht, da? es keine Pr?sentation des Heroingebrauchs gibt - im Gegenteil. Um das schwarze Loch des Genusses herum wuchern die Bilder, Selbst- wie Fremdzuschreibungen. Gerade weil sich angemessene Worte f?r den Rausch anscheinend nicht finden lassen, f?llt jedes Wort auf fruchtbaren Boden, aus dem die Phantasien ?ber das omin?se Objekt der Begierde sprechen. Jeder reale Heroinrausch wird entt?uschen angesichts dessen, was Drogenkrieger ?ber ihn versprechen, um die Gefahr der sofortigen Abh?ngigkeit zu illustrieren - bizarre Welten, die unserer in nichts gleichen und in denen jede Erinnerung an erfahrenes Leid getilgt ist. Aber auch die, die es gut meinen, behaupten in aufreizender Nonchalance in einem Satz, Shore (Heroin) lasse W?rme durch den K?rper flie?en, und im n?chsten, Heroin lasse seine UserInnen sich cool f?hlen.1 Nur in der faustischen Hexenmagie wird aus dem Verschiedenen das Gleiche und aus Gegens?tzen das Eine; in die Kommunikation ?bertragen bedeutet es nicht mehr, als da? es egal ist, was so ?ber den Rausch sich sagen l??t. So geschieht es, da? diese Gleichg?ltigkeit dem Wesentlichen gegen?ber Platz schafft f?r ein Interesse, es je nach Gusto zu beschwatzen oder zu verschweigen, in jedem Fall aber an seiner Statt etwas zu setzen, was an sich nur sinnvoll zu benennen w?re in der Form, wie es in das Rauscherleben eingeht, so aber selbst zum Einzigen wird, ?ber das zu reden ist: die Bedingungen der Berauschung, die Rahmenbedingungen des Konsums. Die Geschichte der kulturellen Repr?sentanz des Heroins ist die Geschichte der Bilder, was aus dem oder der HeroingebraucherIn wird.

Krankheit, Elend und Tod, jene Folgen, die kontinuierlicher Heroingebrauch, vermittelt durch die gesellschaftlichen Bedingungen des Verbots und der Stigmatisierung, mit sich bringen kann, werden dem Heroin als dessen unvermittelte, ihm eigentliche Wirkung untergeschoben. Nicht blo? die Junkie-Pornos ? la Christiane F. leben davon, unter dem Deckmantel der Warnung sich am Siechtum der unschuldig schuldig gewordenen Minderj?hrigen zu erg?tzen, weidlich der Faszination an M?dchen Raum zu geben, die statt des patriarchalen Schutzes den Weg w?hlten, ihren K?rper an Freier und Spritze zu verschwenden und dabei, so will es die Welt, vor die Hunde zu gehen. Ebenso als Selbstinszenierung lebt das Junken von seiner scheinbar immanenten N?he zur Selbstzerst?rung. Erinnern wir uns an Velvet Undergrounds Heroin-Lied: "I have made a very big decision - I'm gonna try to nullify my life", und sp?ter: "Heroin: it's my wife and it's my life - heroin will be the death of me". Davon zieht das Lied sein Pathos und der Held seine paradoxe Identit?t, w?hrend das Gef?hl, "just like Jesus' son" zu sein, blo?es Durchgangsstadium bleibt. In der Frontstellung gegen Hippiemusik und -kultur mit ihrem emphatischen Wir-Bezug, der statt des alten "Du & Ich" des Rock'n'Roll besungen wurde, rekonstruieren Velvet Underground ein Ich, das sich ?berhaupt nur darin zu erkennen gibt, das es sich verwirft: Jede Strophe beginnt mit dem langgezogenen "I" in den ersten beiden Zeilen, das in der letzten Strophe durchs doppelte "heroin" an der n?mlichen Stelle ersetzt wird. Drogeninduzierte Aufl?sung des Ichs hie? bei den Hippies Entgrenzung, Ver?u?erung und Verschmelzung mit allem und jedem auf LSD und Meskalin; Lou Reeds Heroin l??t das Ich sich in sich zur?cknehmen, bis es auf einen nicht mehr wahrnehmbaren Punkt beschr?nkt ist, an dem nur noch das Ich von sich selbst wei?, w?hrend um ihn herum alle ihre "busy sounds" ungest?rt produzieren k?nnen. Dazu passend kommt auch die begleitende Musik nie richtig in Fahrt, und immer, wenn sie nach vorne loszugehen scheint, f?llt sie wieder in sich zusammen, produziert minimalistisches Geschrammel ohne ?u?erlich nachvollziehbare innere Form und endet ebenso irgendwann ohne ausmachbare innere Notwendigkeit - einen Schlu?akkord beispielsweise.
Velvet Undergrounds Heroin - das Lied wie die Substanz - braucht f?r seine einfache Message ein hochkompliziertes Bedeutungsgeflecht, das diese tr?gt. In Lou Reeds Schu?, dem "rushing on the run", schie?en die k?rperliche Unempfindlichkeit, die Heroin schafft, und die Abh?ngigkeit, die es nach vielen Sch?ssen schaffen kann, ebenso zusammen wie der hochgradig gesellschaftliche Fakt, da? diese Abh?ngigkeit das sich um sich sorgende Subjekt ganz in Beschlag nehmen kann. Der Herointod, den sie besingen, tr?gt immer zwei Gesichter, die ?berblendet werden zu einem: der Tod, den eine ?berdosis oder ein Leben auf der Szene herausfordert, und der symbolische Tod, den ein Subjekt erleidet, das seiner Nicht-Umwelt, die eh nicht zuh?ren w?rde, r?tselhafterweise auch nichts mitzuteilen wei?. Velvet Underground nutzen hier gerade den verst?renden Fakt, da? die Heroinwirkung, wenn beschrieben, selten mehr Worte an sich heranl??t als die allerabstraktesten, n?mlich gut, sch?n und geil. Da? mehr die Welt der Zeichen und Bilder nicht hergibt, da? das berauschte Subjekt also seines sprachlichen Zugangs zu seinem Zustand und damit auch seiner Vermittlung zur Welt beraubt ist, macht den Gesang vom nahenden Tod so verst?rend unplakativ: Auch wer von Schwarzmarktfolgen und staatlicher Repression relativ unbehelligt bleibt, erheischt einen Blick auf den drohenden Exitus, nicht den physischen, sondern den symbolischen: "And thank God I'm as good as dead."

Nat?rlich ist das Auftauchen des Todes im Heroinrausch wiederum alles andere als nat?rlich. In die Formel des Diacetylmorphins ist er ebensowenig eingeschrieben wie in postiv wahrnehmbare Nahtoderfahrungen, Tunnel mit wei?em Licht etc., wie sie auf Trip angeblich manchmal erlebt werden. Nur als Negativ ist er pr?sent, als Reim, den man sich auf den Mangel an Bildern, das beschriebene schwarze Loch, machen kann. Als solcher mu? er nicht erschreckend sein - vielmehr geh?rt es in dieser Form zu ihm, da? es dem Subjekt nicht gelingt, ihn mit einer eindeutigen subjektiven Empfindung zu belehnen, auf da? alles seine emotionale Ordnung habe. Zum Subjekt kommt er als Fremder, dem es sich hingeben kann, der sich ihm aber entzieht, wenn es sich ihm gegen?ber subjektiv verhalten will, wie es das gelernt hat. Warum aber dem Verh?ltnis des Subjekts zu seinem Heroinrausch das Verh?ltnis zum Tod auf diese Art innewohnt, ist allerdings eine alles andere als esoterische oder theologische Fragestellung; denn es ist eine spezifisch bestimmbare menschliche Praxis, die dem Highsein die Worte und eindeutigen Gef?hle verweigert, und eine spezifische, gesellschaftlich vermittelte Erfahrung des Todes, die diesen als geschichtlich junges Urbild dieser spezifischen Unf?higkeit, eine Erfahrung zu subjektivieren, einsetzt. Um diese Konstellation zu ermitteln, bietet es sich an, eine andere Boh?me zu betrachten, deren Repr?sentantInnen Heroin, so ist es ?berliefert, genossen, ohne doch je ein Wort dar?ber verloren zu haben: den deutschen Expressionismus.

Auff?llig bei allen diesem zugerechneten DichterInnen war der Bezug zum Tod in ihren Gedichten - nicht blo? in der Form, wie es zu erwarten w?re, n?mlich anklagend: als Negation des Menschlichen, zumal noch durch Menschenhand massenhaft produziert, erfahren in Verdun und anderen sogenannten Materialschlachten. Aber eben auch wie bei Georg Trakl, dem Lebensm?den, der 1914 wahrscheinlich an einer ?berdosis verschied: Er stellte dem Schrecken - "wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden" - die Erl?sung gegen?ber - "und Engel treten leise aus den blauen / Augen der Liebenden, die sanfter leiden"; denn der Tod mu? sch?n sein, wenn er nur das schreckliche Leben zu beenden vermag, egal, was er sonst noch bringt. Else Lasker-Sch?ler schlie?lich besang den Tod, ganz und gar metaphorisiert, als das Sch?ne, das weit mehr war nur als die Traklsche abstrakte Negation des Schreckens: "Oh ich wollte, da? ich wunschlos schlief, / W??t ich einen Strom, wie mein Leben so tief, / Fl?sse mit seinen Wassern", hei?t es im Gedicht mit dem Titel Styx, der H?llenflu?. Ihr Sehnen verwandelte den Tod freilich zu einem ganz und gar Irrealen, ihr Paradies gleicht keinem der gro?en Religionen, sondern der Vereinigung mit dem Geliebten. Liebe und Tod sind nicht nur im zitierten Gedicht beliebig gegeneinander austauschbare Synonyme. "Dein s?ndiger Mund ist meine Totengruft", oder "Ich kn?pfe mich an dein Leben, / Bis da? es ganz darin zerrann"; so k?nnte man endlos zitieren.
Den Tod als Anderwelt, voller Glanz und Geheimnisse, kennen wir bereits aus der Romantik, zumal der opiumrauchenden englischen. Doch den Tod nicht als anderes Reich, sondern als Zustand, in dem das Leiden aufgehoben ist und Ruhe herrscht, die "Harmonien aus der Nachtlandferne [wallen]", wie es Lasker-Sch?ler im Sterbelied schrieb, erschuf erst der Expressionismus.

Else Lasker-Sch?ler, der einzig bekannt gewordenen Frau des deutschen Expressionismus, war es vorbehalten, solcherart Tod am ergreifendsten zu beschreiben. Auch wenn der Tod von au?en kam, ist er eingerichtet worden mit dem, was schon war; mit dem, wovon kein Begriff, wohl aber eine Ahnung existierte. Lasker-Sch?lers Tod war eine Liebe, die sie im Leben nie fand (in dem ihre Lover eher daran zehrten), war Ruhe, tiefer Frieden, gelungene Synthese. Sie f?hrte zuende, was die m?nnlichen Dichter nur andeuteten, das Einssein mit dem Anderen (Trakls sanfter leidende Liebende), und obwohl sie den Tod daf?r noch ben?tigt, verfremdet sie das Fremde zur greifbaren N?he des Bekannten und ?berwindet darin das Heldenpathos, an dem die Gedichte und die sie dichtenden expressionistischen Subjekte laborieren. Fast schon ist sie aufgehoben.
Fast. Denn die Welt war nicht so, da? man in ihr h?tte gl?cklich werden k?nnen, und sie ist es bekanntlich noch nicht. Daher ist vom Gl?ck nur zu sprechen im Konjunktiv, am Rande des Kitsches und der simplen L?ge, und wo Absturz droht, kann keine Ruhe sein. Lasker-Sch?ler gelingt es dennoch, weil sie zwar auf den Urgrund der Gl?cksvorstellung, aufs Geschlecht, zur?ckgreift, es aber im Nirgendland, das sie "Tod" statt "Phantasi'n" nennt, ansiedelt, und so ihm nicht nur die Wahrheit gew?hrt, die es weder in der Wirklichkeit noch in der positiven Fiktion erhielte, indem sie es wappnet gegen das "Mi?trauen gegen die Lust aus der Ahnung heraus, jene sei keine in dieser Welt"#2. Sie macht es vor allem erst kommunizierbar, sprechbar. Denn eine Sprache, die den "Liebesakt" nicht nur dort zu beschreiben oder besingen mag, wo er eben "Akt" ist, Werben, Locken, Vollzug, sondern auch da, wo gel?ste Spannung, selige Inaktion ist, im Zerflossensein, Nichtichsein, die dem Aktigen und Orgastischen folgt, gibt es nicht; dichterische Hymnen, wenn es sie denn gibt, sind keine von Bekanntheit. Nichtbegriffliches ist dort, wo etwas nicht begriffen ist: n?mlich, da? hier Gl?ck sein k?nnte. "Der Satz omne animal post coitum triste ist von der b?rgerlichen Menschenverachtung ersonnen: Nirgends mehr als an dieser Stelle unterscheidet sich das Humane von der kreat?rlichen Trauer. Nicht auf den Rausch, auf die gesellschaftlich approbierte Liebe folgt der Ekel: Sie ist, nach Ibsens Worten, klebrig." (Adorno)

Keinem ihrer m?nnlichen Kollegen war der Mangel im geschlechtlichen Begehren so bewu?t wie Else Lasker-Sch?ler; keinem war auch das Bild so bewu?t, das sie zeichnete von dem, was an den Platz des einfachen Mangels h?tte treten k?nnen: die Ruhe des Willens. Die Erl?sung, im Bild zum Greifen nah und in der Praxis stets versagt, schrieb sie statt dem Leben dem Tod ein. Vielleicht hatte sie aber wenigstens einen Verb?ndeten: vielleicht nahm sie nicht nur Heroin, wie es verb?rgt ist, vielleicht bildete sie auch ihr Sehnen, ein bi?chen wenigstens, auch seiner Rauschgestalt nach. Schlie?lich nimmt Heroin Zugriff nicht auf die Wahrnehmung, schafft keine neue Vermittlung von Au?en- und Innenwelt, sondern setzt an auf der evolution?r niedrigsten Stufe des Selbstbewu?tseins, am unmittelbaren Behagen. Unter der Wirkung anderer Drogen mag man was erleben; unter Heroin aber freut man sich, wie ein Benutzer es beschrieb, zun?chst einmal einige Zigaretten abbrennen zu lassen, ohne an ihnen zu ziehen. Wer will, kann das stumpfsinnig finden. Wer will, kann aber auch bei Adorno nachlesen: "Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung ?berdr?ssig und l??t aus Freiheit M?glichkeiten ungen?tzt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzust?rmen."3# Im Heroinrausch ist zumindest f?r ein paar Stunden ein Anklang von Frieden zu sp?ren: Kein Sinn ist mehr gesch?rft f?r drohende Gefahr, w?hrend Au?en und Innen nicht ?ber eine verwirrte Wahrnehmung, sondern ?ber eine nicht klar wahrnehmbare, anget?ubte Peripherie verschwimmen (Heroin ist schlie?lich ein potentes Schmerzmittel). Der Zustand eines oder einer Heroinberauschten kommt dem am n?chsten, der sein k?nnte, wenn nach dem orgiastischen Verlangen Sanftheit den K?rper durchstr?mt, der Blick zwar schweift, aber nichts sehen will; wenn die Leiber, sei's der eigene, sei's der fremde, gewu?t werden, ohne sich derer versichern zu m?ssen. Da? man hier nicht sagen kann, ob es warm oder kalt sich anf?hlt, mag an eben jener mangelnden Trennsch?rfe liegen; es ist eins (egal in welchem Wortsinne). Und nicht blo? die Worte fehlen: ?berhaupt die Erinnerung an den Heroinrausch zu bewahren ist hochgradig problematisch. Wer nach dessen Abklingen versucht, ihn durch so etwas wie ein K?rperged?chtnis (welches die Erfahrung einer XTC-Euphorie beispielsweise als Abglanz zu speichern vermag) wieder zu aktivieren, wird die Erfahrung machen m?ssen, da? auf Heroin keine Erfahrung gemacht wurde. Das opiatinduzierte Selbstgef?hl hinterl??t so wenig Spuren wie fr?heres Wohlbefinden bei einem oder einer akut Depressiven; es bleibt dem Subjekt irreduzibel fremd, und erst der n?chste Heroinrausch kickt wieder wie ein alter Bekannter, mit dem ein "stimmt, so war's" einhergeht. (Das aber relativiert die eh immer zur Hypostase des autonomen Subjekts neigende drogenpolitische Binsenweisheit, da? eine jede Drogenwirkung subjektiv vermittelt sei: Hier scheint etwas auf, das in jedem Heroinrausch das Subjekt immer gleich ereilt, w?hrend das Subjekt selbst mit seinen beschr?nkten Mitteln es st?ndig verfehlt, was die Abstraktion vom individuellen Erleben methodisch in diesen Ausf?hrungen rechtfertigen mag.)
Jacques Lacan soll in seinem Sp?twerk Encore, m?de der Apologetik des Mangels, ein dem st?ndig dr?ngenden Begehren kontr?res Prinzip entdeckt haben, das er (entwickelt an der Betrachtung verz?ckter mittelalterlicher Heiliger) an der Position des Weiblichen ansiedelte: das Genie?en#.4 Wer genie?t, ist eingenommen von einer "jaculation", die das Subjekt vollst?ndig in Beschlag nimmt, von einer Ejakulation also, die ohne das Pr?fix "E" auskommt: Sie bleibt vollst?ndig inwendig, setzt keine Zeichen in der Welt. Insofern sind die Genie?enden vollst?ndig inkompatibel mit dem Wissen - wer genie?t, kann sich diesen Zustand nicht vergegenw?rtigen, als Wissen bewu?t machen, also sich zu sich selbst als Objekt des Wissens ins Verh?ltnis setzen. Das Subjekt-Objekt-Verh?ltnis, konstitutiv f?r die Ordnung des Wissens, ist selbst in Frage gestellt. Und das k?nnen die wissen, die wissen k?nnen, da? wer genie?t: die Anderen. Und die sehen einen Angriff.

Denn der Junkie, der nichts zu sagen wei?, provoziert nicht blo? irgendeine intersubjektive Ordnung, kr?nkt nicht blo? irgendeinen Narzi?mus; es ist ja nicht so, als w?rden b?rgerliche Subjekte nicht auch gut damit leben k?nnen, mit dem einen oder der anderen auch mal keine Rede auszutauschen. Doch symptomatisch fehlt in den Reden ?ber den Junkie nie sein schlechtes Aussehen, nie die Schilderung der Entzugsqualen, der erschreckte Blick des Ertappten, doch st?ndig die Beschreibung ?ber die halbgeschlossenen Augen dessen, der sich gerade den Schu?, den Snief oder die Folie gegeben hat. Die verz?ckte HeroingebraucherIn mag niemand wahrnehmen, und die vollst?ndige innere Ruhe, die Sch?nheit, die diese ausstrahlt, wird nur perhorresziert, als ?u?ere Willenslosigkeit verhandelt: f?r die Droge alles zu machen. Gerade hierin lie?e sich vielleicht der Schl?ssel zum Verkennen erblicken: Wer "f?r den Kick, f?r den Augenblick" (Tic Tac Toe) sein Geld heranschafft, nur um es wieder und wieder "dem Dealer mit dem L?cheln im Gesicht" (nochmal Tic Tac Toe) zu geben, der oder die verzichtet ja nicht blo? darauf, Zeichen zu setzen und im Tausch der Reden zu ver?u?ern. Verzichtet wird auf die Logik der Zeichen selbst, die immer auf ein anderes verweisen, auf die Logik der Objekte der Begierde, die, einmal als solche subjektiv konstituiert, dem Subjekt konstitutiv die Erf?llung verweigern, deren Versprechen es ihnen erst beigelegt hat, und es zum n?chsten Objekt treiben. Mit anderen Worten: Verzichtet wird auf die Warenlogik insofern, als eine Ware immer den Stempel tr?gt, austauschbar zu sein - f?r seinen Anteil allgemeinen ?quivalents h?tte das Subjekt auch jeden anderen Tr?ger von Wert bekommen k?nnen; und h?tte es das nicht auch besser tun sollen? So sehr die Ware Ausschlie?lichkeit erheischt - die Entscheidung f?r sie ist eine gegen alle anderen -, so sehr verweist sie gerade darin auf die Gesamtheit der einzelnen Bestandteile kapitalistischen Reichtums. Was objektiv notwendig ist in der Produktion der Waren, ihre Beliebigkeit und Austauschbarkeit als blo?es Durchgangsstadium der Wertverwertung, ist psychisch in der Qual der Wahl, im Begehren, internalisiert. Blo? der Junkie scheint von der Qual des W?hlens und Verweisens befreit: Er soll seinen idealen Gebrauchswert gefunden haben, gegen den jeder Tauschwert belanglos wird (vulgo: f?r den der Junkie bereit ist, jeden Preis zu zahlen). Die b?rgerliche Welt zahlt es ihm, der sich dem ?quivalententausch zu entziehen scheint, weil es zum Heroin f?r ihn kein ?quivalent geben soll, heim, indem sie ihm daf?r die Rechnung pr?sentiert: st?ndig auf den Tausch Ware gegen Geld zur?ckgeworfen zu sein unter den brutalsten denkbaren Marktbedingungen, denen des Schwarzmarkts, wo keine freien und gleichen Subjekte verkehren k?nnen.

Eine kulturindustrielle Rede ?ber den Junkie, der selbst nicht mitreden kann, kann es so schon deswegen nicht geben, weil die Rede ?ber ihn seine Teilhabe ausschlie?t: Welcher Junkie, so wei? der Marktforscher, w?rde ein Heroin-T-Shirt kaufen, wenn er f?r das gleiche Geld auch Heroin bek?me? Wenn Kulturindustrie alles mit ?hnlichkeit schl?gt, dem Heroin aber f?r die GebraucherIn nichts ?hnlich sein kann, weil seine Wirkung immer fremd bleibt, dann kann sie nur f?r die Anderen den Blick auf die UserInnen inszenieren, in denen symptomatischerweise wiederum, selbst in wohlwollend-voyeuristischen Pr?sentationen wie Pulp Fiction oder Trainspotting, das Genie?en der Beteiligten fehlt.
Diese Inszenierungen produzieren psychischen Mehrwert (f?r die Anderen) nicht zuletzt dadurch, da? einer traumatischen Erfahrung Pseudoplausibilit?t verliehen wird. Denn, wie beschrieben, ist nicht blo? die Rede der Kulturindustrie an der Stelle des Heroinrausches leer, sondern auch die k?nstlerische. Mit dem Genie?en, dem das Wissen und damit die W?rter fehlen, ist es wie mit dem Objekt, das zu nahe kam, um noch Objekt zu bleiben; ist es wie mit der nachorgiastischen Ruhe, die den Willen durchkreuzt und damit das Subjekt seiner Subjektivit?t beraubt: mit ihm ist nicht zu Rande zu kommen. Es fordert unerbittlich, etwas aufzugeben, das aufzugeben zu denken unm?glich ist. Es fordert den Preis, die Welt (und darin eingeschlossen sich selbst) nicht mehr zu verstehen. So, wie die Welt konstituiert ist, ist Genie?en allemal traumatisch - auch eine Lehre Lacans -, und ist es so auch f?r die Ausgeschlossenen: Es pr?sentiert ihnen wiederum den Verzicht, den sie leisten mu?ten, um Subjekt zu sein. Auch das kann einem die Sprache verschlagen, wenn man noch nicht ganz abgebr?ht ist. Das Gerede von der Killerdroge Heroin aber l?st dem Subjekt wieder die Zunge. Nun wei? es, was dem Heroingenu? den Schrecken verleiht - Abh?ngigkeit, Verelendung und selbstzerst?rerische Impulse, die therapeutisch aufzufangen sind. Erkl?rungen aus der Erfahrung mit HeroingebraucherInnen werden gefunden, um nicht wortlos davorzustehen, da? der Heroinrausch am Prinzip der Erkl?rbarkeit selbst kratzt, an die F?higkeit, Erfahrungen symbolisch zu grundieren. Um an den Anfang zu erinnern, waren es blo? Velvet Underground, die dieser Herausforderung standgehalten und das Ende der Symbolisierbarkeit selbst besungen haben.

Das aber w?re die Voraussetzung, um das leere, pseudoplausible Gerede ?ber die Gefahr (des Heroins) und die Sch?nheit (der Alternativen: Sport, drogenfreies Tanzen, mit der Arbeiterklasse Revolution machen) samt ihrer entsprechenden Praxis zu verwerfen. Denn dieses Gerede, das ?ber beider Verbundenheit schweigt, ohne es zu merken, steht dem Gl?ck selbst im Weg, indem es es als leidloses - ohne das Leiden an dem Leiden der Anderen wie an dem eigenen der Subjektivit?t - in die Welt setzt, wo es hoffnungslos zergehen mu?, nicht ohne die Subjekte in frenetische Jagd nach ihm zu versetzen im verfassungsm??ig geregelten pursuit of happiness. Hier zu intervenieren aber ist keine Frage der Sprache, die sich blo? aufs Nichts und damit auf nichts berufen k?nnte, sondern eine der Praxis, an deren Ende sich Individuen vielleicht verwundert die Augen dar?ber reiben m?gen, da? sie formulieren k?nnen, da? Gl?ck im Bauplan der Welt doch vorgesehen ist, zumindest dann, wenn dieser Bauplan kommunistisch ist und den Menschen die Welt zum Genu? freigibt wie einst Gott den mittelalterlichen MystikerInnen - ohne sie freilich daf?r in Kloster oder andere Zwangsjacken zu stecken. Weil man aber so etwas kaum sagen mag, ohne rot zu werden vor soviel Schw?rmerei, steht der Theoretiker wieder am Anfang der Lobrede ?bers Heroin: beim Wissen, da? es keinen Ort gibt, von dem aus sie zu f?hren w?re. Was er entdeckt hat, ist ein Mangel; nun kann er sich wieder seinem Gesch?fte zuwenden, n?mlich die repressive Drogenpolitik auf ihren kapitalen Begriff zu bringen - mit der befriedigenden Erkenntnis, da? es nicht an ihm liegt, wenn er darin unbefriedigt bleibt.
Lars Quadfasel

1 Zu finden in: Palette e.V., Warum wir f?r die Legalisierung von Heroin sind, Eigenverlag, Hamburg o.J.; aber auch die konsumierenden AutorInnen sind sich uneins. Benn spricht von "olympischer K?hle", Janet Clark von "warmer Milch in den Adern". Wenn sie denn ?berhaupt mal sprechen, und sei's noch so knapp, dann ohne Verbindlichkeit: Der Widerspruch fiel niemandem auf.

2 Adorno, Minima Moralia, FfM 1951, S. 230

3 Adorno, a.a.O., S. 207

4 Frank und frei: Hier beziehe ich mich nur auf Sekund?rliteratur von Slavoj Zizek (Enjoy your symptom!) und Malcolm Bowie (Lacan). Aber die pa?t aufs vorliegende Problem vorz?glich.
Alle Zitate expressionistischer Gedichte aus:
Kurt Pinthus (Hg.), Menschheitsd?mmerung, Neuauflage Hamburg 1959
sowie:
Else Lasker-Sch?ler, Gedichte 1902 - 1943, M?nchen 1986.
Inhaltlich verwandt wurde:
Diedrich Diederichsen, Coole Kinder k?nnen wieder warten, taz, ca. Februar 1997

Dieser Artikel ist die leicht gek?rzte Version eines Vortrags. Die vollst?ndige Version kann bestellt werden bei: Junge Linke, Borriesstr. 28, 30519 Hannover



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