SexyKapitalismus

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Hans-J?rgen Krahl - F?nf Thesen zu Herbert Marcuse als kritischer Theoretiker der Emanzipation

I. Marcuse interpretiert die Emanzipationsprinzipien m?glicher sozialrevolution?rer Prozesse in den sp?tkapitalistischen Industriemetropolen in dem Sinne, dass die empirische Basis der Selbstentfremdung nicht mehr die mittelbare Erfahrung unmittelbaren Elends, sondern die bewusst zu erfahrende soziale Widerspr?chlichkeit, Apathie und Integration ist. Im 2entrum der Marcuseschen Revolutionstheorie steht die Frage: wie kann unter den Bedingungen einer repressiven Befriedigung der materiell elementaren Bed?rfnisse das Bed?rfnis nach Emanzipation entfaltet werden? Wie k?nnen die Bed?rfnisse nach einem Reich der Freiheit, des Friedens und des Gl?cks ins Bewusstsein der Massen und zur politischen Erscheinung dr?ngen, wenn sie nicht mehr in den materiell vitalen Bed?rfnissen nach der Beseitigung von Hunger, materieller Not und physischem Elend verankert sind?

II. Die Tatsache der Arbeit an sich selber ist die Erscheinungsform der Ausbeutung in der sp?tkapitalistischen Gesellschaftsformation. Marcuse zufolge stellt sich nicht mehr die Frage nach ?berfl?ssiger und notwendiger Arbeit und damit nach ?berfl?ssiger und notwendiger Unterdr?ckung, vielmehr er?ffnet der Fortschritt in der Automation des Maschinenwesens die realutopische Perspektive nach der Abschaffung von Arbeit ?berhaupt.

III. Wenn die Emanzipation vom Zwang der Arbeit derart mit dem technischen Fortschritt gekoppelt ist, sind die kapitalistischen Machthaber gezwungen, die reibungslos funktionalisierte Demokratie in den Dienst der Eliminierung jeglicher emanzipativer Regungen zu stellen. Die Liquidation des wie immer auch ideologisch entstellten Emanzipationsbed?rfnisses, die den ?bergang des Konkurrenz- in den Monopolkapitalismus kommentiert, fordert Marcuse zufolge eine Eindimensionalisierung der Ideologien in der sp?tkapitalistischen Epoche.

IV. Die Antwort darauf ist die Negation des Systems durch die privilegiert sensiblen oder die unterprivilegiert gequ?lten Randgruppen - notwendig abstrakte Negation einem hermetisch geschlossenen System gegen?ber in der Gestalt ohnm?chtiger Vernunft, des emp?rten Protests der grossen Verweigerung.

V. Die sp?tkapitalistische Gesellschaftsformation schl?gt alle institutionalisierten Organisationsformen der Opposition, des Widerstandes und der Revolution mit dem Signum der Integration. Der anschauliche Beweis daf?r ist das massenorganisatorisch deformierte Schicksal der Leninschen Kaderpartei in der Naturgeschich te der westeurop?ischen Arbeiterbewegung; als deren abstrakte Negation lehrt Marcuse die emanzipatorische Renitenz des sich triebstrukturell umw?lzenden Individuums und des seine bed?rftige Vitalit?t revolutionierenden Einzelsubjekts.

ad I.-IV. Mit diesen Theoremen formulierte Marcuse das reine Vernunftprinzip des Befreiungskampfes in der sp?tkapitalistischen Zivilisation: eine Idee der Machtergreifung im politischen Zentrum, die, ?ber die blosse Sozialisierung der Produktionsmittel - geschweige denn ihre blosse Verstaatlichung - hinausgehend, eine konkrete Utopie des Kommunismus, also des herrschaftsfreien Verkehrs solidarischer und von den Naturschranken urw?chsig ?berlieferter Arbeitsteilung entbundenen Individuen. Marcuse ist der kritische Theoretiker der Emanzipation. Emanzipation ist die bestimmte Negation des sowjetmarxistisch entstellten Begriffs vom Sozialismus, der diesen an das Bild technologisch reibungslos funktionierender und staatlich kontrollbefugt geplanter sowie b?rokratisch rationalisierter Produktion festmachte. Dagegen opponierte der kritische Marxismus des Westens im revolutionstheoretischen R?ckgriff auf den wie immer auch von den Ideologen der herrschenden Klasse anthropologisch und theologisch deformierten jungen Marx der Pariser Manuskripte und der Deutschen Ideologie. ?ber das Konzept eines technologisch verengten Produktionsbegriffs hinaus wird der Kampf um die Macht im Staate und die Enteignung der Inhaber an den Produktionsmitteln nicht als Endziel, sondern als Bedingung der M?glichkeit eines Vereins freier Menschen behandelt; das heisst, Kommunismus behandelt die Vergesellschaftung der Produktions mittel als Bedingung zur Organisation eines solidarischen Verkehrs freier Individuen. Der Emanzipationsbegriff, den Marcuse in der Tradition des westlichen Marxismus von Luk?cs ?ber Horkheimer bis Merleau-Ponty entfaltet, hebt ins Bewusstsein, was die Strategien des sozialdemokratischen Reformismus und der sowjetmarxistischen Orthodoxie verdr?ngt haben, die Reduktion des emanzipativen auf den technischen Fortschritt, der sozialen auf die industrielle Revolution. Auf dem Erfahrungsgrund der sozialrevolution?ren Befreiungshewegungen der Dritten Welt er?ffnet sich sowohl wieder eine Perspektive kompromissloser Politik und Gewalt als auch eine Vorstellung von Befreiung, die ?ber die industrielle Intensivierung von F?nfjahrespl?nen hinausgeht. Marcuse als Philosophiekritiker der Emanzipation entfaltet einen Begriff der Befreiung, der die Menschen nicht wiederum den objektiven Bedingungen der totgeschlagenen Materie, also den Produktionsmitteln, unterwerfen will, sondern die Funktion der Produktionsmittel in der Revolution wieder geschichtsphilosophisch zurechtr?ckt: die vereinigte Arbeiterklasse in den hochindustrialisierten Kapitalmetropolen k?mpft nicht um die Verf?gungsgewalt ?ber das Maschinenwesen als solches, sondern um den kollektiven Besitz an den Produktionsmitteln als Bedingung von herrschaftsfreien Beziehungen der Menschen untereinander. Marcuse hat den Emanzipationsbegriff aus seiner naturgeschichtlichen Verblendung, die er im Schicksal der Arbeiterbewegungen erfahren hat, befreit; Emanzipation meint mehr als eine Ver?nderung der Eigentumsverh?ltnisse, die den technisch industrialisierten Stoffwechsel zwischen Menschen und der Natur regeln, Emanzipation meint eine Ver?nderung der Eigentumsverh?ltnisse, der Verf?gungsgewalt von Menschen ?ber Dinge, um die Verh?ltnisse der Menschen untereinander zu befreien.

Philosophisch ausgedr?ckt: Sozialdemokratie und Sowjetmarxismus haben den Entwurf einer sozialistischen Verkehrsform auf eine Ver?nderung des industriellen Eigentumsverh?ltnisses zwischen den Menschen und der Natur verk?rzt. Die Geschichte hat auf die Tagesordnung gesetzt, was Marcuse ebenso philosophisch wie naiv formulierte: die Verk?rzung des revolution?ren Befreiungsprozesses auf industrielle Revolution schleppt das Elend der Verdinglichung mit sich fort und unterwirft die Individuen der unpers?nlichen Knechtschaft der materiellen Produktionsmittel. Emanzipation hingegen will, dass die Individuen die industriellen Produktionsmittel organisieren um miteinander gl?cklich verkehren zu k?nnen. Der verk?rzte Emanzipationsbegriff zielt nur auf ein ver?ndertes Eigentumsverh?ltnis der Menschen zu den dinglichen Produktionsmitteln, nicht aber auf ein ver?ndertes Verkehrsverh?ltnis der geschichtlichen Individuen untereinander. Emanzipation ist nicht prim?r eine ver?nderte Eigentumsorganisation der Industrie, sondern eine ver?nderte Verkehrsorganisation der Gesellschaft. Dieser revolution?r selbstverst?ndliche Sachverhalt ist vom sozialdemokratischen Reformismus staatlich verraten, vom antiimperialistischen Machtkampf der Sowjetunion naturw?chsig verdr?ngt und vom antifaschistischen Abwehrkampf der kommunistischen Parteien b?ndnispolitisch und parlamentsbeflissen verdr?ngt worden. F?r einen Revolutionsbegriff in den Metropolen war es notwendig, dass Marcuse wieder aussprach: Emanzipation ist nicht die Befreiung der technischen, Maschinen, sondern die Befreiung der gesellschaftlichen Menschen. Allein auf dem Hintergrund dieses evidenten Vernunftprinzips kann das unertr?gliche Moment an Unterdr?ckung in den scheinsozialen Sicherheitsgarantien des autorit?ren Staates und den keynesianistisch auf Rezessionen verk?rzten Krisen der monopolen Wirtschaftsweise den lohnabh?ngigen Massen einsichtig werden. Marcuse fordert ein anschaulicheres Bild der objektiven M?glichkeiten einer k?nftigen Gesellschaft: wenn Arbeit durch Automation in dem Maasse abschaffbar und Unterdr?ckung in dem Maasse ?berfl?ssig geworden ist, wie dies Industrie und Demokratie des Sp?tkapitalismus anzeigen so muss die bestimmte Negation des reibungslos funktionierenden ausbeuterischen Systems an Bestimmtheit gewinnen: wenn die Menschen nicht unmittelbar hungern, m?ssen sie wissen k?nnen, warum sie in der Revolutiorl ihr Leben aufs Spiel setzen sollen und mehr zu verlieren haben als ihre Ketten. Doch Marcuses Theorie selber kommt diesem Erfordernis bestimmter Negation nicht nach, seine Aufforderung zur grossen Weigerung bleibt abstrakt, ausserstande, ein politisches Realit?tsprinzip taktischer Regeln, strategischer Maximen und organisatorischer Imperative zu entfalten. Gleichwohl ist die grosse Weigerung mehr als die romantisch beseelte Parole der ersten Stunde; sie ist die notwendige Konsequenz aus einem Emanzipationsbegriff, der in allen Spuren des objektiven Geistes der Verwaltungen und Institutionen, der B?rokratien und Meinungsmedien, der betrieblichen Mitbestimmungskonzepte und autorit?ren Hochschulreformen die unwiderstehliche Gewalt technokratischer Verblendungen entdeckt.

Andererseits teilt Marcuse das Elend der kritischen Theorie und das ungeschichtliche Selbstbewusstsein entstehender revolution?rer Bewegungen; er ist unf?hig, die Kriterien einer revolution?ren Realpolitik, b?ndnispolitischer Kompromisse, organisationspraktischer Stabilisierungen studentischer Protestbewegungen und klassentheoretischer Analysen zu formulieren. Zu linksradikalistischen Kinderkrankheiten entstehender revolution?rer Bewegungen z?hlt die im Anfang gleichwohl notwendige Verwechslung derabstrakten Demonstration des reinen Emanzipationsprinzips mit dessen konkreter Entfaltung. Marcuse teilt als Theoretiker der ersten Erscheinung dieses revolution?ren Vernunftprinzips mit den freiheitsbewussten Studentenbewegungen der Metropolen deren Kinderkrankheiten in allen Formulierungsstadien seiner Theorie. Seine Ideologiekritik der Eindimensionalit?t lie? die emp?rten Intellektuellen in Ungewissheit dar?ber, ob die Integration der Arbeiterklasse unwiderrufliches Schicksal oder aufhebbarer Schein sei. Doch als der deutsche SDS die Isolierung politischer Intellektuellenbewegungen an sich selber erfahren hatte und die Prinzipien 1es proletarischen Klassenkampfs praktisch zu erneuern suchte, beriet er in einen Widerspruch, der bis heute unaufgel?st ist und ?ber seine revolution?re Entwicklung entscheiden wird: mit der Kritik an den emanzipationsrigiden und randgruppengebundenen Prinzipien der grossen Verweigerung, d.h. mit dem Versuch, ein politisches Realit?tsprinzip in die emanzipative Systemnegation einzuf?hren und dem nach wie vor bestehenden, wie immer auch wesentlich ver?nderten Klassenantagonismus in den Metropolen Rechnung zu tragen, geriet der SDS in Gefahr, sich blindlings in einer verschwiegenen Orthodoxie zu verstricken und in eine undurchschaute Tradition des verzerrten Klassenkampfs zur?ckzufallen. Die notwendige Hinwendung der Studentenbewegung zum Proletariat drohte mit dem Versuch, die Revolution mit den ?berlieferten Kategorien des Klassenkampfes zu artikulieren, zugleich die Prinzipien der revolution?ren Emanzipation zu ersticken. Anders gesagt, die Studentenbewegung steht vor dem objektiven Dilemma, dass ihr historisch neues Vernunftprinzip der Emanzipation sich realpolitischen und klassenspezifischen Kriterien versagt und dass andererseits die traditionelle Substanz des proletarischen Klassenkampfes blind ist gegen die neuen Prinzipien kompromissloser Befreiung. Das entscheidende Schicksal, das der revolution?re Protest in den Metropolen bewusst zu vermeiden hat, ist, dass er mit der Einf?hrung tradierter Klassenkampfkategorien und taktischer Realit?tsprinzipien den kompromisslosen Impetus revolution?rer N?gation erstickt, dass er ?ber der klassenbewussten Realpolitik die Revolution vergisst. Das notwendig anachronistische Bewusstsein der westdeutschen Protestbewegung im gegenw?rtigen Stadium ist die Verkleidung des neuen emanzipatorischen Vernunftprinzips ins alte Gewand traditionalistischer Klassenkampfkategorien, der Begriff des Klassenkampfs, mit dem die Bewegung ebenso pragmatisch wie dogmatisch hantiert, entspricht weder der Klassenrealit?t noch der Emanzipationsnotwendigkeit der hochindustrialisierten Kapitalmetropolen.


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