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Biene Baumeister - Die Avantgarde des theoriepraktischen Elends
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Zur Kritik der gruppenidentit?ren linken Standpunkte-Ideologie am Beispiel der "Revolution?ren Aktion Stuttgart" (RAS)


"Die revolution?re Theorie ist denen verwehrt, die die beruhigenden Gewi?heiten der Ideologie wollen, einschlie?lich der offiziellen Gewi?heit, standhafte Feinde jeder Ideologie zu sein." (SI)

Von der Form der Kritik...


Um einer falschen Fixierung zu entgehen und die "Revolution?re Aktion Stuttgart" (RAS) in ihrem Wirken auch nicht zu ?berh?hen, muss klar betont werden, dass die hier ausgef?hrte Kritik die RAS als organisierte Gruppenideologie und ihren Text "F?r eine revolution?re Perspektive - gegen Sektierertum und Phrasendrescherei" lediglich als ein beispielhaftes Modell f?r analoge, in der Linken weit verbreitete Vorstellungen behandelt (abstrahiert man mal von einigen Besonderheiten, welche ausschlie?lich die RAS betreffen). ?ber weite Strecken wird daher die RAS selbst kaum zur Sprache kommen und einige ihrer ?u?erungen tauchen nur als Beispiele auf, da linke Standpunkteideologie insgesamt ins Visier genommen wird.

So ist es eigentlich auch eine Trivialit?t zu erw?hnen, dass in der hier vorliegenden Kritik die Gruppenmitglieder der RAS nicht als Personen oder in ihrer Pers?nlichkeit angegriffen werden. Denn als Personen spielen die Mitglieder der RAS nur insofern eine Rolle, soweit sie die Personifikationen gruppenideologischer Kategorien sind, also Tr?ger_innen von bestimmten Weltanschauungen und Interessen1.

Leider ist es mir hier - also in dem von mir eng gesteckten Rahmen - nicht m?glich die Auseinandersetzung mit den ?u?erst wichtigen, im RAS-Text angerissenen Themen und Begriffen, wie z.B. "Dialektik", "Klassentheorie", "Theorie-Praxis-Verh?ltnis", "Basis/?berbau-Problematik", "Totalit?t", "Fetischkritik", "Geschichtsverst?ndnis", "Idealismus/Materialismus", "Wissenschaftlichkeit" zu suchen. Notwendig w?re hierbei eine Satz-f?r-Satz-Analyse des Textes, da sich m.A.n. manches Richtige neben vielen metaphysischen Verstrickungen, Phantasmagorien, verdinglichenden Ansichten, Unhistorisches neben Historismen etc. in ein und demselben Text wiederfinden, die - das m?chte ich ausdr?cklich betonen - nicht ausschlie?lich in der theoriepraktischen Unzul?nglichkeit der RAS begr?ndet sind, sondern den gesellschaftlich produzierten "Selbstverst?ndlichkeiten" des gew?hnlichen, allt?glichen Denkens, d.h. den ganz "normalen", allgemein verbreiteten Borniertheiten entspringen. Die aufmerksamen Leser_innen werden jedoch bemerken, dass jene Themen - wenn auch nicht ausdr?cklich - alle in meinem Text vorkommen.

Ich werde meine Kritik haupts?chlich auf die identit?re Gruppenideologie des Standpunktsdenken fokussieren. Die Leitlinie von Ideologiekritik l?sst sich mit Marx auf folgende Formel bringen: "Sie wissen das nicht, aber sie tun es." [MEW Bd. 23, S. 88] Und hierbei ist es ratsam zun?chst die Formen des Tuns in den Blick zu nehmen, denn es sind eben historische Formen. Dabei gilt es "die Schmach noch schmachvoller zu machen, indem man sie publiziert" (Marx). Die Darstellungsform ist also notgedrungen polemisch, geht aber immanent vor und fragt, wie, warum und wodurch die zur Kritik stehenden ideologischen Formen entstehen2.

... zur Kritik der Form (des RAS-Textes)


Die Form gibt immer Aufschluss auf ein Etwas, ist von ihrem Inhalt nicht zu trennen und ihm gegen?ber nicht neutral: weder kann es einen formlosen Inhalt noch eine inhaltslose Form geben. Die Form als Erscheinungsform deutet immer auch auf nicht explizit Ausgesagtes hin, auf Nichtbewusstes, das sich in seiner Negativit?t ?ber die Form als "Formt?tigkeit" (Hegel) dennoch ?u?ert. Diese Formt?tigkeit ist die Basis von Ideologiekritik; die Erscheinngsform erweist sich als gemachte.

Mit ihrem Text geht es der RAS, in ihren eigenen Worten, um ein "Selbstverst?ndnis", um "Anspr?che an die Praxis der Linken". Im weiteren Verlauf des Textes werden Antworten auf nicht gestellte Fragen gegeben, also Lehrs?tze dargeboten. Konsequenterweise stellt sich der gesamte Text in der Form der Positivit?t dar, bringt also nicht die Negativit?t einer Problemgeschichte zum Ausdruck (daher das Fehlen von Fragestellungen). Es soll ?ber die "Richtigkeit" der im Text benannten "Richtlinien" diskutiert werden, ?ber "Positionen" (RAS). Die Form des RAS-Textes ist somit katechetisch.

Ein Katechismus ist die Zusammenstellung und Erl?uterung von Glaubenss?tzen3. Analog pr?sentiert sich der Text der RAS nicht in der Form einer revolution?ren Forschungsaufgabe, also nicht von Problemstellungen ausgehend, sondern in der Form, der seine Leser_innen auf Lehrs?tze einschw?ren m?chte. Trotz einiger weniger Bekenntnisse, dass "gemachte Thesen auf ihre G?ltigkeit zu ?berpr?fen seien" (RAS), sind Gestus und Sprechakt, die sich im Text ?u?ern, die einer versichernden Aussage, d.h. wie beim religi?sen Denken ist auch hier "Gewissheit" vorherrschend. Dies wird v.a. bei der fast inflation?ren Verwendung des Wortes "objektiv" deutlich4.

Was die inhaltliche Seite dieser Form betrifft, so scheint es, als ob die RAS entweder viele Diskussionen und Kritiken der letzten Jahre nicht mitbekommen hat oder - was vermutlich eher zutrifft -, dass sie sich einfach mangels historischen Bewusstseins dar?ber hinwegsetzt und so einem Lagerdenken verhaftet ist5.

Die Sprache und die einzelnen Wortverwendungen des Textes erinnern stark an den 1970er-Jahre-Jargon von ML im allgemeinen und DKP im besonderen6. Aus der blo?en ?hnlichkeit l?sst sich selbstverst?ndlich noch keine Gemeinsamkeit ableiten; auch kann daraus noch lange kein Argument gewonnen werden, warum die Ansichten der RAS nicht revolution?r sein k?nnen. Allenfalls l?sst sich eine Spur auffinden, die weiter kritisch verfolgt werden kann und hier verfolgt werden soll.

Denn Formen haben immer einen historischen Charakter, so auch Sprachformen. Indem nun die RAS auf eine ml-artige Sprach- und Ausdrucksform zur?ckgreift, stellt sie sich selbst (bewusst oder unbewusst) in eine bestimmte Tradition. Und dass sie durchaus als eine solche Tendenz wahrgenommen wird, zeigen die Beitr?ge im Internet-Diskussionsforum des Infoladens Ludwigsburg7.

Es ist nun notwendig, vom Ausdruck, also der Form, zur Frage dessen ?berzugehen, was sich denn nun ausdr?ckt, was sich also einen Ausdruck verschafft. Um es vorwegzunehmen: Es ist die Ideologie der linken F?hrungskr?fte, die sich in der Text- und Sprachform des RAS-Beitrages ausdr?ckt.

Die Ideologie der F?hrungskr?fte


Die RAS schreibt: "Das Proletariat hat als ausgebeutete Klasse ein objektives Interesse an dessen Abschaffung. Dies heisst nat?rlich nicht, dass dieses Interesse auch subjektiv wahrgenommen und vertreten wird." In guter positivistischer ML-Manier ist f?r die RAS das Proletariat einfach eine Gegebenheit, und so unterstellt sie dem Proletariat ein "objektives Interesse" qua Klassenlage. So wird die Proletarisierung weder als ein Prozess der Enteignung aufgezeigt (gemessen an den dynamisch sich entwickelnden gesellschaftlichen M?glichkeiten), d.h. - allgemein ausgedr?ckt - eines Negationsprozesses, aus dem das Proletariat als das Negative zur herrschenden kapitalistischen Produktion und Zirkulation hervorgeht. Noch kann so dieses "objektive Interesse" im Zusammenhang mit dem kapitalistisch formbestimmt reproduzierten, also entfremdeten "System der Bed?rfnisse" gefasst werden, von der ausgehend die Subjektfrage erst gestellt kann und als Problem gefasst werden muss.

Folgerichtig begreift die RAS die Entwicklung eines m?glichen Revolution?rsein des Proletariats auch nicht als einen zwar real m?glichen aber zugleich scheiternsanf?lligen Subjektkonstituierungsprozess, aus dem ein kapitalismus?berwindendes Subjekt erst hervorgehen kann (also potenziell), sondern sie schreibt: "Alleine die Klasse der Lohnabh?ngigen ist jedoch objektiv dazu im Stande, die sozialistische Revolution zu machen, d.h. sie ist das revolution?re Subjekt." Hier ist wiederum eine blo?e Versicherung gesetzt (Positivit?t), n?mlich die, dass das Proletariat immer schon das revolution?re Subjekt sei, n?mlich aufgrund seiner "objektiven Klassenlage", und zwar so, dass dieses Elend dann auch noch mit Revolution?rsein kurzgeschlossen wird.

Demgegen?ber spricht Marx in Bezug auf das revolution?re Proletariat an keiner Stelle von "Klasseninteresse" schlechthin, da Interessen a) entweder immer nur Partikularinteressen sein k?nnen und ihren Sinn nur in Bezug auf die egoistische Nutzenkategorie haben oder b) sich auf eine politische Kampfsituation beziehen (also schon die Ebene der Klasse f?r sich betreffen). Von einem Klasseninteresse kann nur dann gesprochen werden, wenn - Marx zufolge - "die Herrschaft des Kapitals [...] f?r diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen [hat]. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegen?ber dem Kapital, aber noch nicht f?r sich selbst. In dem Kampf, [...] findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse f?r sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf." [MEW4:181].

Sich auf "das Interesse des Proletariats in seiner objektiven Klassenlage" zu berufen, kann somit nur zweierlei bedeuten: a) sich entweder auf solche blo? politischen K?mpfe zu beziehen, die den Kapitalismus nicht zu ?berwinden trachten, sondern "(sozial-)partnerschaftlich" nach ihrer Etablierung als Klasse streben (statt nach Selbstaufhebung der Klasse mit der Klassengesellschaft als solcher); oder b) es handelt sich um eine Projektion der Eigeninteressen von "Berufsrevolution?ren" oder M?chtegernrevolution?ren auf das Proletariat, also um quasi st?ndische, korporativistische Interessen mit dem Ziel einer Funktion?rskaste, die sie als Repr?sentation "des Proletariats" institutionalisieren und damit ihre machtpolitischen Interessen zum Vorschein bringen (dahingehend, das Proletariat zur Man?vriermasse einer B?rokratie zu machen, die mit den ?berkommenen Herrschaftsapparaten zu rivalisieren hat).

Auf der einen Seite wird bei der RAS das Proletariat als revolution?res Subjekt versichert und vorausgesetzt, da es ja schlie?lich die Revolution machen soll. Auf der anderen Seite wird dieses angebliche Subjekt dann flugs zur passiven Verwaltungsmasse degradiert8, die einer voranschreitenden Avantgarde (auch wenn diese aus dem Proletariat selbst entspringt) folgt oder folgen soll. Es erg?be sich - so die RAS - die praktische Notwendigkeit, "eine Avantgarde zu bilden. Es geht hier wohlgemerkt um einen Anspruch und kein Selbstverst?ndnis ("wir sind die Avantgarde"); wir wissen um die Problematik des Avantgardebegriffs. Uns geht es alleine um das, was hinter diesem Begriff steht: jede Bewegung, die sich nicht auf das Unmittelbare und Spontane beschr?nkt, sondern geschichtlich voranschreiten will, will damit eine Avantgarderolle ?bernehmen. Dieses Voranschreiten beinhaltet nat?rlich auch, dass jemand auf dem Weg folgt. Mit der vermeintlich richtigen theoretischen Erkenntnis in der Tasche die vermeintlich Unwissenden zu verachten mag im Sinne vieler b?rgerlicher Intellektueller Avantgarde bedeuten, nicht in unserem."

Flankiert von der ?blichen Intellektuellenschelte muss eine solche F?hrungskr?fteideologie immer postulieren und versichern, dass ihr Verhalten und die des Proletariats wesentlich gut ist, weil "radikal", ontologisch "revolution?r". So sei die RAS "die einzige Gruppe die nicht auf dem Abstellgleis steht, sondern aktiv bei Protesten gegen Studiengeb?hren ist, antifaschistische Aktivit?ten organisiert, gegen staatliche Repression, Sozialabbau u.v.m. aktiv ist, Veranstaltungen macht, sich an verschiedenen linken Strukturen beteiligt usw. Sie schafft es dabei B?ndnisse zu initiieren und mit zahlreichen anderen Organisationen auf verschiedenen Ebenen zusammenzuarbeiten, unorganisierte Leute einzubinden usw."

Und aufgrund ihrer eigenen Pr?missen in Bezug auf das Proletariat muss die RAS auf Manipulationstheorien zur?ckgreifen; denn nur so kann sie sich erkl?ren, warum dieses immer schon gegebene revolution?re Subjekt nicht endlich die Revolution macht oder manchmal auch gar nicht so gut ist. Das Proletariat lie?e sich - so die RAS - zum einen durch b?rgerliche "Propaganda" und "gezielte Ideologie" t?uschen, und zum anderen sei es "durch seine Befangenheit im falschen Bewusstsein, durch die mangelnde Erkenntnis der tats?chlichen gesellschaftlichen Verh?ltnisse unf?hig dazu, sich andere L?sungen auf Probleme vorzustellen, als solche, die h?ufig r?ckw?rtsgerichtet sich im b?rgerlichen Rahmen bewegen". (RAS)

Doch auch eine solche Weltanschauung, wie sie die RAS vorstellt, ist nicht blo? irgendwie ersonnen, sondern eine Ideologiekritik muss nun aufzeigen k?nnen, wie jene von der Wirklichkeit in die K?pfe gelangt, von denen sie dann ausgesprochen wird. Um die darin sich ?u?ernden psychomentalen Bed?rfnisse, Absichten und organisatorischen Vorstellungen zu begreifen, muss die gesellschaftliche Lage, die Gesellschaftsschicht, der eine solche Charaktermaske entspringt, kurz skizziert werden. Dabei ist es zwar nicht unwichtig, aber weniger von Belang, aus welcher empirisch vorfindlichen Schicht innerhalb der Klassenstrukturiertheit die Tr?ger_innen dieses Bed?rfnisses nun genau abstammen (Arbeiterkinder, B?rgert?chter und -s?hne etc.), sondern vielmehr zu welcher Schicht sie selbst hinstreben (einerlei dessen, ob sie sich nun bewusst vornehmen, deren Status zu erwerben oder sich nur darauf beschr?nken, die diesem Bed?rfnis entspringende eigent?mliche Illusion zu konsumieren): Diese Schicht ist die der Kader und der F?hrungskr?fte.

Obwohl diese Schicht innerhalb der Klassenstrukturiertheit in den gegebenen gesellschaftlichen Verh?ltnissen gewiss jene Schicht ist, die sehr deutlich in Erscheinung tritt, scheint sie f?r die Denker_innen der linksradikalen Routine unbekannt zu bleiben. Sie wollen entweder die Existenz der b?rokratischen Funktion?re verschleiern, oder sie wollen, oft gleichzeitig, ihre eigenen Existenzbedingungen verschleiern und ihre eigenen Bestrebungen als geringf?gig privilegierte F?hrungskr?fte in den von der heutigen Bourgeoisie beherrschten Produktionsbeziehungen.

Die linke F?hrungskraft ist die ehrgeizige, die Studentin der Revolution, die st?ndig ihrer - im ?brigen erb?rmlichen - Zukunft zugewendet ist, w?hrend sie bereits bezweifelt, ob sie ihren gegenw?rtigen Platz gut genug ausf?llt9. In der linken Szene entdeckt dieses Streben ein Bet?tigungsfeld spielerisch sich die F?hrungsrolle einzu?ben, zu trainieren, sich einzuschleifen und sich dadurch als potenzieller F?hrungskader fortzubilden. Und man muss daher kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass sich - falls sie nicht schon vorher scheitern - auch unsere potenziellen F?hrungskr?fte fr?her oder sp?ter in irgendwelchen Verwaltungsapparaten wiederfinden werden, sei dies aus Entt?uschung am linksautonomen Szeneghetto in irgendwelchen Linksparteien oder Gewerkschaften, sei dies aus Entt?uschung ?ber die linke Politik ?berhaupt, im direkten Dienst des Kapitals.

Die potenziellen F?hrungskr?fte vollziehen ideell nach, was das Kapital als automatisches Subjekt mit den Arbeitskr?ften ohnehin anstellt: Wie die wirklichen F?hrungskr?fte als Charaktermasken des Kapitals - die als Sprachrohre des automatischen Subjekts fungieren - die kapitalistische Verdinglichung der Arbeiter und Arbeiterinnen ideell reproduzieren, so erscheint es nur folgerichtig, dass sich auch die linken aufstrebenden und potenziellen F?hrungskr?fte im Proletariat eine passive Man?vriermasse vorstellen und "die Formierung der Klasse f?r sich" (RAS) - als Organisierungsleistung ihres "avantgardistischischen" Apparats - erstreben.

Zwar kritisiert die RAS zurecht die attentistische Duldsamkeit, die meint, "dass sich alles weitere automatisch aus Arbeitsk?mpfen entwickeln w?rde" (RAS), d.h. die meint, dass das Proletariat "es" mit der Zeit schon richten wird. Sie begreift jedoch nicht, dass ihre Konzeption das spiegelbildlich (nur mit anderen Vorzeichen versehene) Pendant dazu darstellt: Sie ist voluntaristisch, weil es ihr darum geht, eine revolution?re Bewegung vorwegnehmen zu wollen, eine Revolution ohne die Bedingungen der Revolution aus dem ?rmel zu sch?tteln.

"Die Arbeiterklasse ist revolution?r oder sie ist nichts" (Marx)


Die Karten des Klassenkampfes werden st?ndig neu gemischt. Durch den Reproduktionszusammenhang des Kapitalverh?ltnisses werden die Proletarisierten (und somit auch die meisten von uns)10 tagt?glich zur passiven disponiblen Masse, zur Klasse an sich gemacht, d.h. zur Klasse aller, die vom Eigentum an den gesellschaftlichen Produktionsbedingungen sowie an der Organisierung der herrschenden gesellschaftlichen Raum-Zeit ausgeschlossen sind und die gegeneinander um den Verkauf ihrer Arbeitskraft an jene Eigent?mer_innen konkurrieren m?ssen. Der Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum (als Ausdruck der objektiven M?glichkeiten), den die Proletarisierten produzieren, von dem sie permanent enteignet werden, ist ihnen nur in Form von Lohn oder von caritativen Zuteilungen m?glich. Die Proletarisierung ist damit zun?chst als ein st?ndiger Enteignungsprozess11 auf vielf?ltigen Ebenen, d.h. als ein st?ndiger Negationsprozess zu begreifen (wobei im Folgenden nur einige wenige Momente dieses Prozesses hervorgehoben werden k?nnen):

Der Prozess, bei dem der arbeitende lebendige Mensch zum Objekt und Anh?ngsel der kapitalistisch formbestimmten Produktionsinstrumente, Technologie und wissenschaftlichen Organisationsapparate subsumiert wird, ein Prozess, der sich in der industriellen Fabrik noch in einer materiell-despotischen Form durchsetzt, greift im modernen consumer capitalism in libidin?s-verinnerlichter und verbildlichter Form auf nahezu alle Lebensbereiche ?ber. Zumal es ohnehin keine eigenst?ndige "Reproduktionssph?re" gibt (dies ist verkehrter Schein), sondern das ganze Alltags(?ber)leben der Lohnabh?ngigen dient in seiner Totalit?t ?konomisch-funktional der Reproduktion-f?rs-Kapital, gerade auch die "privateste" individuelle Reproduktion.

Aufgrund dieses Enteignungsprozesses muss das Proletariat als die negative Seite des Gegensatzes, seine Unruhe in sich, das aufgel?ste und sich aufl?sende Privateigentum an den gesellschaftlichen Lebensbedingungen begriffen werden und nicht als immer schon seiendes revolution?res Subjekt.

Die Proletarisierten sind gleichzeitig vom historischen Bewusstsein der Klassenk?mpfe enteignet. Die herrschende Geschichtsschreibung ist Geschichtsschreibung-der-Sieger, auch diejenige der sogenannten sozialistischen Staaten Russlands, Chinas, Kubas etc. nach den gescheiterten Revolutionen, die von ihren B?rokraten als Erfolge deklariert wurden. Die Klassenk?mpfe als treibendes Moment der Geschichtsentwicklung werden dadurch verh?llt, wie "einf?hlend" auch immer man diese bewertet. Das historisch-gesellschaftliche Bewusstsein der proletarischen Anl?ufe und ihrer bisherigen Niederlagen dagegen ist in das gesellschaftliche Unbewusste verdr?ngt. Gerade jene Niederlagen sind f?r eine revolution?re Geschichtsaufarbeitung jedoch aufschlussreicher als die sogenannten Siege.

Im komplement?ren Prozess des Enteignungsprozesses insgesamt, den Aneignungsk?mpfen, kann sich das Proletariat (oder bestimmte Teile davon) revolution?r ?u?ern oder konterrevolution?r oder gar barbarisch. Diese Offenheit des Klassenkampfes ist f?r M?chtegernrevolution?re nur schwer auszuhalten. Deshalb m?ssen sie sich in einen Voluntarismus fl?chten und den Klassenkampf als etwas per se emanzipatives anbeten: "Wir sehen den Aufbau der Revolution darin, die Klasse f?r sich zu formieren [...]. Der Klassenkampf ist nicht die blosse Addition aller (nat?rlich notwendigen) Abwehrk?mpfe, er weist ?ber diesen Abwehrkampf hinaus zur ?berwindung des Kapitalismus", so die RAS.

Marx dagegen stellte einmal lapidar fest, "die Arbeiterklasse ist revolution?r oder sie ist nichts". Dieses Nichtsein bezeichnet das Proletariat als Klasse an sich. In dieser Negativit?t k?nnen die Lohnabh?ngigen nur durch die Subversion und Destruktion ihrer gesellschaftlichen Enteignung und Ausbeutung aus Objekten zu Subjekten werden oder eben auch nicht; dies bleibt offen. Die Spannung von der gew?hnlichen ohnm?chtigen Lebenssituation der vereinzelten Einzelnen im kapitalistischen Alltag hin zu der angestrebten klassenlosen und staatenlosen "Befreiung der menschlichen Geschichte" (SI) ist eine Spannung zwischen zwei historischen Situationen, in der sich die Proletarisierten in den geschichtlichen K?mpfen immer wieder neu befinden, solange die kapitalistischen Verh?ltnisse nicht ?berwunden sind.

Dass dieser Subjektkonstituierungsprozess ein ?u?erst scheiternsanf?lliger ist, tendenziell emanzipatorisch sein aber auch in die ?u?erste Barbarei f?hren kann, muss als geschichtliche Erfahrung sp?testens seit der Shoah (hebr.: die Katastrophe) erkannt werden. So bezeichnet die "Chiffre Auschwitz" (Adorno) nicht irgendeine historische Katastrophe unter den zahlreichen anderen der Geschichte, sondern den Untergang der historischen M?glichkeit, dass menschliche Gattungsgeschichte angesichts dieses ihres Bruchs als menschliche ?berhaupt weitergemacht werden k?nnte. Die "Chiffre Auschwitz" bezeichnet zugleich den f?lligen Untergang aller Vorstellungen der einstigen revolution?ren Arbeiterbewegung von bruchlosem "Es geht voran!" nach ihrem - in Bezug auf die Shoah - totalen historischen Versagen. Sie deutet auf das Versagen hin, bis heute nicht als den gattungsgeschichtlichen Wendepunkt wahrzunehmen.

Im NS-Deutschland spaltete sich ein Teil des Weltproletariats von diesem konterrevolution?r ab, als sogenannte "deutsche Revolution": im Bilde der aktivistischen "deutschen Arbeiter" und der volksstaatlichen "Prolet-Arier" (Franz Neumann) als Scheinsubjekt der totalen Bem?chtigung. Durch die Unterwerfung unter die Identit?t "der gute deutsche Arbeiter", "der anst?ndige deutsche B?rger" und "die aktiven Volksgenossen" beiderlei Geschlechts und aller "Berufsst?nde" als Selbstbild spalteten sie im "konzentrierten Spektakel" (SI) der "Volksgemeinschaft" sozialpsychologisch das Bild vom revolution?ren Proletariat aus sich selber endg?ltig ab (Subversion, Revolution, Kosmopolitik, Marxismus, Intellektualit?t, kritische Zersetzung des Bestehenden - kurz: Negativit?t) und projizierten es als Wahnbild auf "die Juden", um es - ?berblendet mit dem Wahnbild von den "Geldmenschen", dem "raffenden Kapital", "dem Finanzjudentum" und der abstrakten Arbeit sowie aller "Nichtarbeit", also der Vorstellung von der Bourgeoisie und der ganzen unbegriffenen Widerspr?chlichkeit des Kapitalismus - in Gestalt der (vor allem) als "j?disch" selektierten Menschen physisch zu vernichten. Zu konstatieren, dass das Proletariat dies aus sich selbst heraus "leistete" und nicht einem Manipulationsprozess unterworfen war, wie die RAS meint, hei?t jedoch nicht das Proletariat zu verachten (wie die RAS unterstellt), sondern den Subjektkonstituierungsprozess des Proletariats n?chtern und ohne Illusionen kritisch zu verfolgen, nicht passiv, sondern aktiv als "Praxis der Theorie" und "Theorie der Praxis". Die Aufgabe eines kritischen Bewusstseins innerhalb eines solchen Prozesses besteht v.a. darin, dem Proletariat sein eigenes Handeln bewusst zu machen, der Negativit?t eine Sprache verleihen und die M?glichkeit barbarischer Entwicklung zu verhindern versuchen, d.h. die Selbstorganisation der "Klasse des Bewusstseins" (Marx) zu unterst?tzen. Vor allem hei?t dies auch, die Klasse wie sich selbst in einer historischen Verantwortung zu begreifen, also f?r die Entscheidung, in jedem historischen Augenblick alternativ zu handeln, weder die zugewiesene "Opferrolle" bzw. die opportunistische "T?ter_innen-Rolle", die Charaktermasken im Spiel der herrschenden M?chte sind, mitzuspielen, noch "T?ter_innen" und "Opfer" in ihrem Wirken zu verwechseln.

Das hei?t gerade heutzutage, die katastrophale Verschiebung innerhalb des verkehrten "identischen Subjekt-Objekt" Lohnarbeit-und-Kapital in den fetischistischen Gestaltungen der modernsten antisemitischen Alltagsreligion zu begreifen (n?mlich die Verschiebung vom revolution?ren Proletariat auf die als "Juden" selektierten Menschengruppen, die s?kulare Verschiebung, die zuerst Adorno um 1940 feststellte) und nicht bagatellisierend und relativierend den Antisemitismus zur blo?en "Facette von rechtem und faschistischem Gedankengut" (RAS)12 zu verkl?ren. Im Selbstbild der "aktiven" Volksgemeinschaftlichkeit konnte - und kann jederzeit wieder - die revolution?re Proletarit?t (das Negative zum Bestehenden) als ein Feindbild abgespalten, auf einen Teil der Menschen projiziert und "eliminiert" werden. Dies ist aber kein geschichtsfatalistisches "Verh?ngnis" der resultativen Wirklichkeit nach (dann h?tte Hitler doch recht behalten), sondern stellt sich als wesentliches Problem f?r jegliche moderne revolution?re Bewegung und als Aufgabe, "da? Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ?hnliches geschehe." (Adorno)

Jegliche revolution?ren Kr?fte innerhalb des Proletariats sind also gezwungen sich dem Problem zu stellen, wie aus dem Proletariat an sich innerhalb der ganzen geschichtlichen Bewegung "die Klasse des Bewusstseins" werden kann (d.h. aber genau: sich selber dazu organisieren kann) und zwar, eingedenk der geschichtlichen Katastrophe "zur r?chenden Klasse" (Benjamin), die ein Abspalten der vergangenen Geschichte verhindert. Eine Antwort darauf ist (noch?) nicht in Sicht,13 sondern stellt sich als theoriepraktisches Problem und daher als Frage, das jeweils Verdr?ngte, die emanzipative M?glichkeit eines revolution?ren Proletariats einerseits und die barbarische M?glichkeit von "Auschwitz und ?hnlichem" andererseits, historisch in Hinblick auf "das Werk der Befreiung" (Benjamin) zusammenzudenken. Das ist aber konkret die Frage und das aktuelle Problem, wie die Praxis der Theorie als selbstt?tige Aneignung der Klasse organisiert werden kann, als erste Phase der organisierten gesellschaftlichen Bem?chtigung.

Ideologisches Standpunktdenken versus Negativit?t der communistischen Kritik


"Wenn die Revolution noch sehr weit entfernt ist, ist die schwierige Aufgabe der revolution?ren Organisation vor allem die Praxis der Theorie. Wenn die Revolution beginnt, ist ihre schwierige Aufgabe, mehr und mehr, die Theorie der Praxis; dann aber hat die revolution?re Organisation ein ganz anderes Gesicht." (SI)

Das Problem der revolution?ren Subjektkonstituierung kann nur in kollektiver Kritik als Auseinandersetzung angegangen werden. Eine solche Auseinandersetzung kann weder im Modus der Harmonie noch im Modus der Konkurrenz gef?hrt werden, sondern nur kritisch-dialektisch, d.h. dialogisch "den Streit suchend", sich dabei selbstkritisch ver?ndernd. Die "Praxis der Theorie", die "Theorie der Praxis" und alle damit verbundenen Vorstellungen ?ber Strategie, Organisation etc. sind nur dann koh?rente Ausdrucksformen der wirklichen emanzipativ-gesellschaftsver?nderenden Bewegung, wenn sie mit der geschichtlichen Bewegung Schritt halten, also wirksam verbunden sind und bleiben14. Denn "Proletarische Revolutionen [...] kritisieren best?ndig sich selbst, unterbrechen sich fortw?hrend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zur?ck, um es wieder von neuem anzufangen, verh?hnen grausam-gr?ndlich die Halbheiten, Schw?chen und Erb?rmlichkeiten ihrer ersten Versuche." (Marx)

Anstatt fr?here revolution?re Anl?ufe und aktuelle Formierungsversuche "grausam-gr?ndlich" zu kritisieren und "die Halbheiten, Schw?chen und Erb?rmlichkeiten" offen zu benennen, beklatscht die linke F?hrungskraft die Bilder der Revolution und sucht sich darin ihre Vorbilder (je nach kommunistischem oder anarchistischem Gustus: Lenin, Trotzki, Mao, Che, Bakunin, Stirner, Proudhon, irgendeinen Subcommandante oder akademischen Theorie-Guru etc.). Sie ist somit der Mensch des Mangels: ihre Droge ist die Ideologie.

Die theoretische Kritik als ein Moment der "Praxis der Theorie" muss v.a. zu entt?uschen wissen, Illusionen zerst?ren. "Die revolution?re Theorie ist jetzt jeder revolution?ren Ideologie Feind und sie wei?, da? sie es ist." (Debord)

Sie stellt das Verst?ndnis daf?r bereit, nicht einer revolution?ren Ungeduld zu verfallen, sondern die Spannung des Unertr?glichen zu ertragen und aushalten zu helfen, nur um sie bewusst weiter revolution?r aufzuladen. Denn jegliches voluntaristisch-aktionistische ?berspringenwollen des Ansichseins sondert sich zwangsl?ufig von der wirklichen geschichtlichen Bewegung ab, wird abstrakt. Dies f?hrt zur pseudorevolution?ren Praxis, was im ?blichen linken Aktionismus seine Ausdrucksform findet: Kampagnenpolitik, "Realpolitik", Organisationsbastelei ("Gruppenbildung" "Vernetzung" irgendwelcher linker Tr?mmerhaufen, "linke B?ndnispolitik" etc.). Aufgrund jener Abstraktheit, dem Mangel an historischem Bewusstsein, entstehen ideologische Positionen, die mit anderen - ebenfalls von der wirklichen Bewegung der Negativit?t abgel?sten Positionen - in ein ideologisches Konkurrenzverh?ltnis treten.

Die revolution?re Organisation muss dagegen der koh?rente Ausdruck der "Theorie der Praxis" sein, die in nicht-einseitige Kommunikation mit den praktischen K?mpfen tritt und zur praktischen Theorie wird. "Ihre eigene Praxis ist die Verallgemeinerung der Kommunikation und der Koh?renz in diesen K?mpfen. In dem revolution?ren Augenblick der Aufl?sung der gesellschaftlichen Trennung mu? diese Organisation ihre eigene Aufl?sung als getrennte Organisation anerkennen." (Debord)

Mit der Gr?ndung einer politischen Gruppe reproduziert die linke F?hrungskraft organisatorisch schon im Kleinen, was ihrer Vorstellung im Gro?en entspricht: F?hrungsavantgarde und Mitl?ufertum15. Der Wille zur Gruppe entspricht dem Wunsch zur Identit?t. Dort reift ihre Lagermentalit?t und ihr Ticket-Denken (Adorno) heran: nach innen die eigenen Weltanschauungen homogenisieren und nach au?en abschotten oder verteidigen. Sie sucht Halt in ihren Positionen, die sie gegen andere Positionen in Stellung bringt ("Positionierung zu einigen linken Tendenzen", so die RAS w?rtlich), dann sophistisch-unkritisch - als nun einmal vorab gesetzte "Gemeinschaftsdenke" ("Linie", Argumentationsrichtlinie) - behaupten und verteidigen muss. So auch bei der RAS: Es geht ihr, wie sie selbst schreibt, "in erster Linie um die Darstellung unserer Positionen."

Negativit?t ist ihr zuwider, weshalb ihre "Kritik [an verschiedenen Linken ...; Anm. CB] diese Positionen weiter verdeutlichen [solle] und ... als konstruktive Kritik zu verstehen" (RAS) sei. Doch aufgrund ihres Standpunktdenkens kann sie zu einer solchen Kritik gar nicht gelangen. Denn "die ?Konstruktion' setzt die ?Destruktion' voraus." (W. Benjamin). Und v.a. weil es ihr entschieden an geschichtlicher Kritik an Negativit?t fehlt, tritt sie in einer Form in Auseinandersetzungen, die - wie bei ihren unbewussten role models dem ?konomischen Manager und dem b?rokratischen Funktion?r - die Form des Konkurrenzkampfes ist, also die Abwesenheit von kritischer Dialektik. Diese dagegen ist "keine Negation des Stils, sondern der Stil der Negation" (Debord) ist. "Dieser Stil, der seine eigene Kritik enth?lt, mu? die Herrschaft der gegenw?rtigen Kritik ?ber ihre ganze Vergangenheit ausdr?cken." (ders.)

Im Konkurrenzmodus des Standpunktdenkens befangen, muss die RAS zwangsl?ufig jegliche problemorientierte Theorieaneignung argw?hnisch betrachten, die nicht ihren Positionen entspricht oder die sich ihrer Kontrolle entzieht. Offenen und von anderen initiierten Veranstaltungen bleibt sie fern (so z.B. den Kapitaleinf?hrungskursen, die im BAZ stattfanden) oder schickt misstrauisch beobachtende Sp?her_innen hin (wie bspw. bei der Joachim Bruhn-Veranstaltung)16. Die RAS bewies so immer wieder ihre gruppenidentit?re Ideologie. Am deutlichsten tritt dies bei der (Nicht-)Besch?ftigung mit Themenbereichen, die sie als "antideutsch" einsch?tzt, hervor; "antideutsch" wird von vornherein verteufelt. Dass bei manchen sogenannten antideutschen Fraktionen "die Traditionslinke" spiegelbildlich als etwas genauso Schlimmes betrachtet wird, best?tigt nur die Sch?tzengrabenmentalit?t der paranoiden Projektionen, der inhaltslosen, verbissenen Identifikationsm?hle "Antideutsch/Nicht-Antideutsch" auf beiden Seiten des identit?tsstiftenden "Stellungskrieges"17.

Komplement?r zur Sch?tzengrabenmentalit?t steht die Ideologie des harmonisierenden Pluralismus, das Containerdenken der blo?en Addition des Getrennten. Die Stellungnahme des BAZ-Plenums ist prototypisch daf?r und war absehbar: "Das BAZ ist ein linkes Projekt, in dem sich verschiedene Gruppen und Menschen treffen. Innerhalb unserer R?ume gibt es unterschiedliche politische Selbstverst?ndnisse." Dies ist die sch?nf?rberische passive Friedfertigkeit, welche die Trennungen in einer Einheit des Getrennten fixiert. Gegen?ber dem identit?ren Lagerdenken, welches eine Blockade von kritischer Auseinandersetzung aktiv errichtet, folgt der harmonisierende Pluralismus in passiver Weise; denn Zerw?rfnisse "im eigenen Haus" sind ihm ein Graus und so f?rdert dieses Denken ein Milieu der "repressiven Toleranz" (H. Marcuse)18.

Mit ihrem Standpunkte- und identit?ren Lagerdenken hat sich die RAS l?ngst selbst vom Prozess der kritischen "Praxis der Theorie" und der "Theorie der Praxis" aktiv abgespalten. Dass sie - nachdem sie diese Spaltung faktisch schon l?ngst vollzogen hat - sich nun (z.B. mit ihrem nachgereichten Text) einer Auseinandersetzung stellen m?chte, verkehrt die Wirklichkeit, weil dies in Bezug auf die (wenig vorhandenen) Auseinandersetzungen innerhalb des BAZ ?u?erlich ist; denn es bedurfte ja eines Ansto?es von au?en. Mit ihrer gesamten Praxis (also auch der "Praxis der Theorie") steht die RAS gegen?ber einigen Leuten, die im BAZ Harmonie m?chten, somit durchaus in der Avantgardeposition (und findet sicherlich auch Gefolgschaft), allerdings nicht in derjenigen, in der sie sein m?chte.

Wenn also das BAZ ein Ort von kritischer Auseinandersetzung sein soll, dann m?ssen die kritisch-bewussten Kr?fte sich sowohl vom Lagerdenken der identit?ren Gruppenideologie, welches die Entwicklung einer kritischen "Praxis der Theorie" und der "Theorie der Praxis" blockiert, l?sen, als auch von der Ideologie des harmonisierenden Pluralismus, welche aus diesen Ort einen blo?en Container von Getrenntem macht.

Im Gegensatz zu einer illusion?ren Harmonie, welche diese Abspaltung verschleiert, fordert der Aufruf der Proseccosozialisten "an all die revolution?ren kr?fte innerhalb des baz!" dazu auf, die Konsequenz die sich aus der Wirklichkeit schon selbst ergeben hat, auch bewusst ihrerseits zu vollziehen; daran, ob sie dies tun, wird sich zeigen, ob sie wirklich jene Kr?fte sind, von welchen die Proseccosozialisten ausgehen. Dann erst wird die Spaltung zwischen revolution?rer Kritik und allen Illusionen ?ber sie zur Wirklichkeit. Nur so wird sie im BAZ erst jenseits von identit?rem Lagerdenken wieder m?glich werden.

Einerseits ist also die Lagermentalit?t und der harmonische Pluralismus ein Feind der revolution?ren "Praxis der Kritik"; dort wo jene anwesend sind, ist diese abwesend. Andererseits ist die revolution?re Widerstandspraxis (sowohl denkerische als auch handelnde) die Kritik der Trennungen und nicht wie das Konkurrenzdenken die Trennung der Kritik. Zugleich ist sie aber immer wieder gezwungen mit dem Konkurrenzdenken in den Kampf zu treten. Um nicht ihrerseits zum Konkurrenzdenken zu werden und sich selbst zu verleugnen, muss sie sich eines Mittels aus der dialogischen Kriegskunst bedienen, die der Polemik19 und ihr listiges Stilmittel ist die Ironie.

Genau dieses Mittels hat sich der Aufruf der Proseccosozialisten bedient, das seine Wirksamkeit entfaltet hat: Die Ironie hat als Mittel einer - wenn auch beschr?nkten - Distanzierung im allgemeinen immer auch das Potenzial, die blockierenden Verstellungen vor Augen zu f?hren. Ihr anti-ideologischer Impuls20 ist ein Ausgangspunkt, um sich aus der Passivierung und Blockierung zu befreien. Wie wenig die RAS und ihre Bewunderer_innen mit Polemik und Ironie anfangen k?nnen zeigt nicht zuletzt der Umgang mit dem Spaltungsaufruf der Proseccosozialisten. Die Fixierungs-Denker_innen von Positionen verkennen ihn als blo?e "Phrasendrescherei" (RAS) und haben nat?rlich kein Gesp?r f?r die Kunst, "die versteinerten Verh?ltnisse zum Tanzen [zu] zwingen, indem man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt" (Marx), die immer stillose doktrin?re F?hrungskraft hat eben keinen Check f?r den Stil der Negation.

Im Kampf gegen den festgefahrenen "Stellungskrieg" des Standpunktdenkens durch den Bewegungs- und Guerillakrieg mittels revolution?rer Dialektik und Ironie wird die revolution?re Kritik die Ihrigen erkennen.

Biene Baumeister and friends

Fu?noten


1D.h. auch: Die Ideen und Resultate ihrer T?tigkeit, ja sogar ihr Tun selbst, werden unabh?ngig davon analysiert und kritisiert, ob sie mir als Personen sympathisch oder unsympathisch, nett oder bl?d vorkommen, sondern als ?u?erungen. Eigentlich sollte letzteres in Auseinandersetzungen selbstverst?ndlich sein; doch wie wenig diese Selbstverst?ndlichkeit verbreitet - geschweige denn verstanden - ist, zeigen die Auswirkungen der konkreten Meinungsverschiedenheiten in der Linken immer wieder, die von sozialer ?chtung bis hin zu k?rperlichen Attacken reichen.

2Dies kann allerdings nicht ersch?pfend geschehen. Es k?nnen hier lediglich Tendenzen aufgezeigt werden.

3Es gibt zwar auch Katechismen, die in Form von Frage-Antwort-Schemata formuliert sind, allerdings haben hierbei die Fragen lediglich die Funktion auf die von vornherein feststehenden Antworten hinzuf?hren.

4Wobei unklar bleibt, ob "objektiv" im Sinne von "sachlich", "gegenst?ndlich", "allgemeing?ltig", "nicht willk?rlich" oder alles zusammen gemeint ist; jedenfalls ist eine historisch-materialistische Subjektivit?tstheorie und Erkenntniskritik hierbei nicht ersichtlich. Eher hat man es hier mit den Versicherungen ? la weltanschaulicher Ostmarxismen zu tun, die meinten, den Idealismus schon dadurch ?berwunden zu haben, dass sie nur gen?gend h?ufig das Adjektiv "materialistisch" einstreuten.

5Dies wird im Weiteren noch nachgewiesen.

6Im SDAJ-Handbuch des "Grundwissen f?r junge Sozialisten" steht bspw. Folgendes: "F?r die Durchsetzung der gemeinsamen Interessen der Arbeiterklasse reichen spontane Vereinigungen und aktuelle Zusammenschl?sse etwa f?r einen Lohnkampf nicht aus. [...] Vereinigungen und Zusammenschl?sse der Arbeiterklasse m?ssen deshalb auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms, einheitlicher Organisationsgrunds?tze, gemeinsamer Forderungen und gemeinsamer Taktik auftreten, um eine wirksame Interessensvertretung darzustellen. Ohne festes organisatorisches Gef?ge auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms zerf?llt jeder Zusammenschlu? nach der Aktion, f?r die er gedacht war, oder bei den Anzeichen eines Misserfolges." [Grundwissen f?r junge Sozialisten, Dortmund 1980, S.278f.] Es lie?en sich noch weitere Beispiele z.B. auch aus dem DDR-Lexikon "Grundlagen der marxistisch-leninistischen Philosophie" nachreichen. Ist es nun blo?er Zufall oder einfach eine ?ble Gemeinheit, zu behaupten, dass sich solche S?tze nahtlos z.B. in den Abschnitt "Die Rolle des Proletariats" des RAS-Textes einf?gen k?nnten? Dar?ber wird der weitere Verlauf der Ideologiekritik Aufschluss bieten.

7So z.B. der Beitrag der "Roten Eidechse": "Die Rolle des Proletariats und auch die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Sozialismus f?r die Befreiung des Menschen von Ausbeutung wurden in dem Text gut herausgearbeitet. Nur was mir pers?nlich fehlt ist, dass zwar von Organisierung gesprochen wird, aber die Rolle der Kommunistsichen Partei leider ausser Acht gelassen wird. Denn um den Klassenkampf erfolgreich bundesweit zu organisieren und auch ?ber grenzenhinweg zu arbeiten, bedarf es einer leninistischen Partei."

8Subjekt bezeichnet aber etwas Wirkm?chtiges, Aktives.

9Es ist nebenbei bemerkt kein Zufall, dass die F?hrungskraft sich meist aus dem studentischen Milieu rekrutiert, aber es nicht als Brutst?tte von F?hrungskr?ften reflektiert. Das hei?t, es ist nicht per se verwerflich, dem Studentenmilieu zu entstammen (sonst m?sste ich mich selbst verleugnen). Verwerflich ist nur, es nicht als ein gesellschaftliches Milieu des Elends und der Ideologiefabrik (im Sinne von "ideologischen Staatsapparaten") kritisch zu reflektieren.

10Es gilt hierin auch sein eigenes Proletarisiertsein im Prozess der gesellschaftlichen Proletarisierung zu begreifen. Dass wir als Proletarisierte in diesem Prozess involviert sind, ist im Folgenden vorausgesetzt, wenn in Kurzform nur noch vom Proletariat die Rede sein wird.

11Selbstverst?ndlich ist dieser Enteignungsproze? nicht ohne Aneignungsproze? zu denken. Zusammen mit zwei Koautoren habe ich diese Dialektik ausf?hrlich an anderer Stelle dargestellt; siehe: Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Schmetterlingsverlag Stuttgart 2004.

12so die RAS in ihrem Kehrwochenpapier (http://kehrwochen.ke.ohost.de/texts.htm#).

13Hier stellt sich z.B. auch die Frage, in welcher Form das Grauen der Shoah ?berhaupt reflektiert werden kann, das eigentlich doch nur Schweigen zul?sst. Auf jeden Fall nicht mit Verdr?ngung und Ausblendung, nur soviel ist gewiss. Zuerst w?re eine dialektische Operation unabdingbar zu erlernen, die Walter Benjamin als "Stillstellung" der historischen Konstellation von Vergangenheit und Jetztzeit in der revolution?ren Reflektion eingefordert hat.

14Zum Verh?ltnis der "Praxis der Theorie" zur "Theorie der Praxis", zur Organisationsform der bewussteren revolution?ren Kr?fte innerhalb des Subjektkonstituierungsprozess des Proletariats habe ich zusammen mit zwei Koautoren an anderer Stelle einige ?berlegungen angestellt (siehe Fu?note 11).

15Am pr?gnantesten verr?t sich diese Anma?ung bei der RAS in der repressiven Sprachregelung: "Unorganisierte einzubinden" (RAS s.o.) - einer Formel rechter wie linker Manager_innen (und die zweifellos aus dem W?rterbuch des Unmenschen entnommen ist). Der Sinn und Zweck communistischer Gesellschaftlichkeit: die freie Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums (so Marx) wird hier - statt sie ?berhaupt erst zu organisieren - der "Organisation" als fremder, fetischisierter kollektivistischer Macht entgegengesetzt, einem Machtapparat der funktionalisierenden Funktion?r_innen, der auf den funktionierenden "R?dchen und Schr?ubchen" (Lenin) fu?t. Deshalb waren die gro?m?chtigen Parteiapparate der KPs auch immer nur Kolosse auf t?nernen F??en, wie die Kirchen, wenn sie es ?berhaupt aus dem Sektenstadium heraus geschafft haben, ihre Sch?fchen bzw. Parteisoldat_innen "einzubinden".

16Weitere Beispiele k?nnen im Rahmen der letzten Jahre leicht gefunden werden.

17Eine Gleichsetzung ist hierbei jedoch nicht intendiert; vielmehr m?ssen die jeweiligen blinden Flecken herausgearbeitet werden. Hervorgehoben werden muss, dass noch die "d?mmsten" und identit?rsten Antideutschen immerhin davon ausgehen, dass angesichts der der Shoah der Geschichtsoptimismus der 2., 3., 4. .... Internationalen ein f?r allemal in die Tonne zu treten ist.

18"Repressive Toleranz" bezeichnet eine undifferenzierte Toleranz, so z.B. auch die Toleranz gegen?ber Intoleranz, dem Schlechten, unterdr?ckerischen Momenten, konterrevolution?ren Kr?ften etc. Diese erscheinen dann als gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dienen.

19griech. p?lemos: Krieg, Auseinandersetzung, Streit.

20Der anti-ideologische Impuls von Ironie besteht darin, dass sie "die Welt der Offenkundigkeit" (M. Bachtin), die Welt der "Selbstverst?ndlichkeiten" negiert, das Wesen der Wirklichkeit unerwartet und unvorhersehbar evoziert. Ihre Beschr?nktheit liegt darin, dass sie es von dieser einfachen Negation nicht zur Negation der Negation bringen kann; dazu bedarf es dar?ber hinaus der Dialektik.


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