SexyKapitalismus

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party politics - [subkultur und subversion]
(sinistra! januar 1998)

party politics




[subkultur und subversion]


wer die diskussionen innerhalb der linken in der letzten zeit verfolgt hat, wird des ?fteren auf das "party-thema" gesto?en sein. gestritten wurde dar?ber, welches emanzipatorische potential diesen parties und den subkulturellen zusammenh?ngen ("scenes") innewohnen k?nnte, ob diesen kulturellen praxen etwas politisches anhafte, oder es sich um rein privatistische vergn?gungen handele, um hipness und die von seite der herrschenden milde betrachtete sph?re der freien narretei, auch genannt freizeit, die in beachtlichem ma?e zum bruttosozialprodukt und zum erhalt dieser nation beitrage. nicht selten wurde dabei die perspektive eines zoologen eingenommen, der sich im subkulturgehege umschaut, um dort mehr oder weniger gute (meist schlechte) bewertungen auf der subversions-skala vorzunehmen.


die subkultur

genaugenommen handelt es sich hierbei nicht um diskussionen, die erst in der letzten zeit stattgefunden haben. die debatte um das "konzept subkultur" ist in ?hnlicher form bereits in der weimarer republik erkennbar, wenn es um die frage ging, ob die beteiligung in arbeitergesangs- oder fu?ballvereinen mit dem politischen gehalt des ideologiekritischen kampfes vergleichbar seien. die parallele stimmt nicht ganz, zugegebenerma?en,da unter dem begriff subkultur heute etwas anderes verstanden wird, als vor sechzig, oder auch nur zwanzig jahren. damals wurde subkultur synonym f?r den begriff "gegenkultur" verwendet, der vorstellungen von systemoppositionellem verhalten, verweigerung und dissidenz implizierte, und entsprechende lebensweisen zu entwickeln versuchte. rolf schwendter unterschied in "theorie der subkultur" zwischen subkultur und "teilkultur", wobei sich erstere durch ihre grunds?tzliche opposition zum bestehenden system und dadurch, da? sie auch als solche verstanden werden wolle, auszeichne. (vgl. schwendter, s.11) heute hingegen reicht das bekenntnis zu einem bestimmten stil bzw. die verwendung bestimmter symbole und zeichen (vielleicht auch nur die richtige cd-sammlung), um sich einer subkultur zugeh?rig f?hlen zu k?nnen. ob dieses ende der m?glichen verwendung eines "wahren" subkulturbegriffs nun so schlimm ist, sei zun?chst einmal dahingestellt. festzustellen ist jedoch, da? der begriff auch jenseits der konzentrationen und verschiebungen innerhalb der produktions- und distributionsebene des musikmarktes zunehmend an sch?rfe und aussagekraft verloren hat.


die subversion

die frage, was denn nun subversiv ist und was nicht, war nicht nur gegenstand zahlreicher diskussionen, sie ist auch heute l?ngst nicht zu einem auch nur halbwegs befriedigenden ergebnis gef?hrt worden. nach welchen kriterien der subversion bemi?t sich nun eine f?r sich subversivit?t reklamierende (party-) politik? - und: f?hrt diese form der politik idealtypisierend nur zur anh?ufung von kulturellem kapital im kultur-konkurrenzkampf, der dem diktat der allumfassenden kulturindustrie unterworfen ist, oder zur "politischen subjektivit?t in einem neuen klassenkampf"? fragen ?ber fragen, die einer antwort harren, die jedoch aus der perspektive subversiver politik sowieso falsch gestellt sein k?nnten.was damit gemeint ist, wird vielleicht durch einen genaueren blick auf die gemeinsamkeiten der f?r sich subversivit?t reklamierenden praxen deutlich: zentral sind begriffe wie aufl?sung, zersetzung und untergrabung, die nicht nur rein zuf?llig der milit?rischen terminologie entnommen zu sein scheinen. im rahmen einer mikropolitischen guerillataktik sollen hier die elemente milit?rischer propaganda und die erzeugung von paranoia umwertend nutzbar gemacht werden. - dies erscheint insofern interessant, als da? diese elemente im gegensatz zu leitideen der moderne (aufkl?rung, erziehung, ver?ffentlichung, diskussion, etc.) stehen. die kommunikation mit staat und ?ffentlichkeit wird verweigert oder ?beraffirmiert weil die grundlagen f?r die diskussion ("la? uns doch dr?ber reden..."; "konstruktiver dialog") fehlen. - dem entsprechen die vielf?ltigen versuche "subversiver bewegungen", sich zu verschanzen und unkenntlich zu machen, "nicht fa?bar zu sein". - "don?t talk to sociologists"! in diesem zusammenhang sind die strategien von partyank?ndigungen besonders interessant: es scheint einen bedeutsamen unterschied zu machen, ob flyer in der batschkapp verteilt werden, oder ob mundpropaganda verwendet wird. an dieser stelle tauchen jedoch zwei probleme auf:

1. das so verstandene konzept der subversion mu? ein elit?res sein, da es durch die konsequente verweigerung von diskussion und identit?tszuschreibungen - die wiederum selbst eine identit?t generiert, die nicht-identit?t - nicht verallgemeinerbar sein kann und will. vielleicht ist das aber nur das geringere problem, da eine mikropolitik immer auf die bearbeitung einer bestimmten nische gerichtet ist und nicht auf mehrheitsf?higkeit abzielt. - das gr??ere stellt sichvermutlich erst bei einer durch mechanismen der kulturindustrie erzwungenen verallgemeinerung ("mainstream der minderheiten")?

2. ebensowenig kann ignoriert werden, da? alle partys im rahmen einer marktf?rmigen gesellschaft stattfinden; die tauschwert-logik kann auch aus der letzten linksradikalen nische nicht verbannt werden. mit anderen worten: auch die party darf f?r die veranstalterinnen nicht zu materiellen sch?den f?hren, "mu? sich rechnen". - existieren in einer bestimmten "szene" keine kommunikationsstrukturen, die mundpropaganda als ad?quates mittel erscheinen lassen, so k?nnte dies zum einen darauf hinweisen, da? keine "subversive gemeinschaft" besteht - doch davon sp?ter -, und zum anderen, da? andere formen der information notwendig sind (wie veranstalterinnen dem reibungslosen einstieg ins kleinunternehmertum vorbeugen k?nnten, kann an dieser stelle nicht weiter ausgef?hrt werden).

die linksradikale "scene" und ihre musik

seit ende der siebziger jahre bis etwa anfang der neunziger war punkrock der bestimmende musikstil innerhalb der linksradikalen, ihrer autonomen zentren und treffpunkte. selbstverst?ndlich handelte es sich hierbei um keine einheitliche form, es gab ?berschneidungen und ?berg?nge zu sogenannten "independent"-stilen, die bis in die gefilde des mainstream-80er-pop hineinreichten, entwicklungen zum hardcore-bereich, neue einfl?sse durch hip-hop, diverse mischformen, etc. - doch ?ber diese entwicklungen der einzelnen musik-stile gibt es gen?gend publikationen, von interesse ist an dieser stelle der einbruch repetitiver, elektronischer musik in die linken zentren anfang/mitte der neunziger.

bis zu dieser "neuentdeckung" hatten alle musikstile, die bisher in linken kreisen vertreten waren, zumindest eines gemeinsam: texte. aussagen, die in mehr oder weniger verschl?sselter form ?ber worte transportiert wurden. das verh?ltnis von form und inhalt ist bei musikst?cken zwar immer mehrfach gebrochen, will mensch nicht den musikalischen teil als blo?es beiwerk und untermalung der lyrics verstehen, doch scheint sich dieses verh?ltnis durch elektronische (tanz-)musik ohne texte grunds?tzlich ver?ndert zu haben: form ist inhalt, inhalt ist form; das hei?t, es wird kein inhalt transportiert, der nicht in der form selbst enthalten ist. - explizites findet sich nicht, die direkte aussage ist verschwunden, der assoziation ist nahezu jede begrenzung genommen. umso st?rker kommen die ?u?eren umst?nde, der kontext, zum tragen, innerhalb dessen sich eine party bewegt.

diese entwicklung verlief und verl?uft alles andere als bruch- und spaltungslos. vielerorts wird nach wie vor an punk-/indie-stilen festgehalten und jegliche techno/drum?n?bass-variante mit z.t. recht d?rftigen argumentationen (kommerzialisierung, ausverkauf), die auf die "eigenen" stile und deren verbreitungstechniken genauso anwendbar w?ren, vehement abgelehnt.

tanzen, r?ume und subversive gemeinschaft

mit der elektronischen (non-verbalen) musik hat sich auch der charakter der parties grunds?tzlich ver?ndert: war das tanzen zuvor eng verkn?pft mit dem wiedererkennen eines liedes oder einer band, so ist es jetzt nicht mehr daran gekoppelt; das tanzen zu einem beat steht im mittelpunkt, auch wenn sich bestimmte parallelen zwischen der (damaligen) band und dem auflegenden dj und seinem stil konstatieren lie?en. tanzen scheint objektiv leichter geworden zu sein, mu? es subjektiv aber nicht. der beat, der keine wiedererkennung braucht, kann f?r einzelne g?nzlich ohne bedeutung bleiben, ohne begehren und leidenschaft, kann zum gegenteil von ekstatischem tanz animieren, der die vermeintlich transzendierenden elemente in sich bergen soll. hier soll jedoch nicht in esoterische gefilde eingetreten werden, sondern es geht vielmehr um die faktoren, die das subjektive empfinden bestimmen. - wie es zu differenzen des geschmacks kommt, versuchen zahlreiche sozialisations- und kulturtheoretische ans?tze zu ergr?nden, doch ich kenne keinen, der mir in bezug auf unterschiedliches partyerleben schl?ssig und plausibel erscheint (vielleicht ist es auch gar keine frage des geschmacks).

wichtig erscheint mir in diesem zusammenhang die einbettung der partys in einen ?bergeordneten kontext. dieser ist durch die verschiebung des form-inhalt-verh?ltnisses, wie bereits oben erw?hnt, ma?geblicher stifter von bedeutung: drum?n?bass kann sowohl im rahmen der love-parade, als auch in linksradikalen zentren, oder in abri?h?usern gespielt werden. - die musik kann exakt die gleiche sein und doch ist es ein unterschied ums ganze: der bedeutungsrahmen mu? und wird durch die leute, die die party besuchen, und den ort, an dem sie stattfindet, gestaltet (damit soll selbstverst?ndlich nicht bestritten werden, da? es innerhalb von d&b, wie auch in anderen stilrichtungen, differenzierungen gibt, die einen anschlu? an den mainstream erleichtern oder erschweren).

die tempor?re illegale aneignung von abri?h?usern oder ?ffentlichen pl?tzen verweist zumindest partiell auf eine infragestellung der tradierten ordnungs- und eigentumsformen. dies auch, wenn sich die auswahl der pl?tze eher am kriterium der "hippen location" orientiert, eben weil auch hier die interpretationsleistung in den h?nden der besucherinnen liegt. eine party, die in einem raum stattfindet, der "von links besetzt" ist (z.b. autonomes zentrum), das hei?t, der im bewu?tsein der leute als symbol wirksamkeit entfaltet, wird immer eine andere sein, als die in einer beliebigen disco.

abstand zu nehmen ist jedoch von wie auch immer gearteten linken strategien, die auf inbesitznahme und behauptung vermeintlich sicherer orte abzielen. - linke politik ist nicht mit "linker subkultur" identisch, und wird es wohl auch niemals sein. "jeder versuch, an (sub)kulturelle praxen eine subversionsskala anzulegen, w?rde bedeuten, genau jenen unkontrollierbaren 'sumpf' trockenzulegen, jenes gewirr unterschiedlicher und widerspr?chlicher aktivit?ten ordnen zu wollen, aus dem subversion ?berhaupt erst entsteht."

gleiches gilt auch f?r die beschaffenheit einer "subversiven gemeinschaft": wie sie sich konstituieren, wie sie sich artikulieren, wie sie sich untereinander verst?ndigen sollen, ist nicht projektierbar und in bezug auf das erreichen linker zielsetzungen me?bar. dies mu? und wird aus jeder "subkultur" selbst entstehen, und gerade die unterschiedlichen formen und deren un?berschaubarkeit sollten als deren eigentliche st?rke erkannt werden.

ein totales nichteinverstandensein und eine radikale fremdheit gegen?ber dem bestehenden dr?ckt sich am besten in formen aus, die sich der beschreibung und analyse entziehen, die nicht kommunizierbar sind. auch deshalb wird sich das geheimnis der subversiven party wohl niemals l?ften lassen und dieser text in zweck-, wenn auch hoffentlich nicht sinnlosigkeit verharren.


(sinistra! januar 1998)





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