SexyKapitalismus

Verkopfte Theoriesamples und eine Sammlung von Texten, die Teil unserer Sendungen geworden sind. Im Rhizom findet ihr weitere Links zu Info- und Edutainment-Seiten.

  zurück

Television will not be revolutionized - Programm der Medienpolitischen Ambulanzen V1.2

0. Installation


1. eine Droge deiner Wahl nehmen 2. den Fernseher einschalten 3. Musik anmachen 4. B?cher/Zeitschriften bereitlegen 5. eine Freundin/einen Freund anrufen 6. diesen Text lesen. Die Schritte 1-5 notfalls so oft wiederholen, bis es funktioniert. Im Zweifelsfall hast du die falschen Freunde/B?cher/Drogen. Am Text d?rfte es jedenfalls nicht liegen.

1. Real Virtuality


Wir wohnen in den Medien, schlafen in den Medien, lieben uns in den Medien, sterben in den Medien. Die Medien sind Teil unserer Organismen. Wir speichern unsere Gedanken auf Festplatten, unsere Erinnerungen auf Schallplatten, unsere Sozialmilieus auf Videocassetten, unser Erleben in Situationen, unsere Freizeit auf Bierdeckeln. In den Medien sind wir immer und ?berall: Jeden Tag finden wir 1000 neue Freunde, 1000 neue Feinde, 1000 Diskurse, 1000 Szenarien, 1000 Organe, 1000 Tode ... und 1000 mal zur?ck nach Hause. Oder auch nicht.

2. ?sthetik des Verschwindens


In den letzten 25 Jahren (im Nachhinein ist das nat?rlich nicht mehr genau zu sagen, es k?nnten genausogut die letzten 25 Minuten gewesen sein) sind nacheinander das Soziale, das Politische und die Geschichte im Schwarzen Loch der elektronischen Massenmedien verschwunden. (Dahinter steckte zwar keine b?se Absicht, aber doch die Logik des Kapitalismus: permanente Mobilmachung und Beschleunigung von allem, was nicht niet- und nagelfest ist + totales Zirkulieren und Verschwindenlassen von allem, was sich irgendwie in Warenform und Umlauf bringen l??t.) Das Verschwinden von S/P/G - die immerhin drei mit den Jahren ?beraus liebgewonnene Lebenspartner waren - ist das eigentliche Produkt am Ende des medialen Produktionsprozesses, und wir als dessen Konsumenten sollten nicht die Illusion haben, auch nur einen der drei irgendwo im au?ermedialen Raum wiederfinden zu k?nnen.
Ob das ein Verlust ist, w?re vorher zu ?berlegen gewesen - auf jeden Fall war es nett anzuschauen. (Weniger nett anzuschauen sind diejenigen Mitmenschen, die, ganz Szenario gesellschaftlicher Zw?nge, auf unber?hrter individueller Identit?t und eigener Geschichte beharren, als w?re nichts gewesen, als w?ren sie nicht l?ngst selbst vollst?ndig mediatisiert, fragmentiert, atomisiert.

Wer zum Kapitalismus schweigt, m?ge von Schizophrenie nicht reden.) Die ?berreste dessen, was einmal Sozialen Sinn gebildet hat, k?nnen wir t?glich live im Fernsehen bestaunen: mittlerweile findet Gewalt im Kinderfernsehen, Wissenschaft in Gameshows und Wahlkampf in der Waschmittelwerbung statt. Das ist nat?rlich v?lliger Quatsch (da sind wir uns einig), aber gerade darum geht es ja. Es ist sicher ein h?chst ehrenvolles Unternehmen, st?ndig mit dem Sozialen, dem Politischen, der Geschichte anzukommen, um zu beweisen, da? die drei noch sehr real sind - blo?: sobald es darum ginge, diesen Sachverhalt einer breiteren ?ffentlichkeit zu vermitteln, w?rde er ebenso von den Medien geschluckt, und wir w?ren wieder bei der Waschmittelwerbung ("Unsere ?berzeugungskraft macht uns so ergiebig"), denn im Ernst: eine Kampagne zur Rehabilitierung von S/P/G w?re der Inbegriff von Verbraucherinformation. Drau?en im Lande k?me es h?chstens zu vereinzeltem Stirnrunzeln, auf der Produzentenseite w?rden bestenfalls sich ein paar Feuilletons zerstreiten, vielleicht noch ein paar Talkshows gesendet - das w?rs dann aber auch.
Kommunikation, die sich nie einen Gedanken gemacht hat ?ber die Medien, in denen sie stattfindet, braucht sich um den Inhalt, den sie transportiert, dann auch nicht mehr gro? zu k?mmern. (?brigens genau der Umstand, aus dem das Fernsehen gro?e Teile seines Unterhaltungswerts bezieht.)

3. Str?me, Fluten, ?berflu?


Alle Erfahrungen, Meinungen, ?berzeugungen, Fakten, Zusammenbr?che, Revolutionen, Resolutionen, Realit?ten verwandeln die Medien in Information, die sich prima diskutieren, abspeichern, archivieren, aber kaum noch umsetzen l??t, au?er in noch mehr Information.
Mit der Zeit kommen auf diese Weise nat?rlich imposante Stapel an Debatten zusammen, blo? scheinen diese im Grunde alle von einem Mangel an Aktivit?t jenseits des Informiertseins zu handeln.
Information und Isolation, das alte Lied: je m'informe, je m'enf?rme.
Die hierzulande ?bliche Reaktion auf dieses Dilemma besteht (statt z.B. in ambulanter Medienpolitik) darin, als Feind eine "Informationsflut" zu beschw?ren, die unsere sch?ne, gewachsene, m?hsam gehegte Realit?t hinfortsp?lt, die alles in Chaos und Beliebigkeit st?rzt. Fluten kommen bekanntlich in Wellen: Erst "Rote Flut", noch ganz Blut-und-Boden-Metaphorik und allzu offensichtlich der m?nnlichen Phantasie vom weiblichen K?rper entlehnt, dann "Asylantenflut": das Boot ist voll, im Grunde aber doch wieder die Hose.
Erst "Informationsflut" kommt aufgekl?rt und irgendwie demokratisch daher, klingt abstrakt und damit einleuchtend. Die Gegenma?nahmen liegen nat?rlich auf der Hand: Weniger Fernsehkan?le, kleinere Zeitschriftenl?den, Werbung raus aus den Innenst?dten, Kinder raus in die Natur...

4. Islands of no return


Hinter solchen Forderungen steht zumeist eine unstillbare Sehnsucht nach unverf?lschter Authentizit?t, nach Inseln des Wahren, Sch?nen, Guten inmitten des medialen Rauschens. Auf diesen Inseln herrschen klare Verh?ltnisse: Dort leben die Menschen, auf ihre wesentlichen K?rperfunktionen reduziert, in ?bersichtlichen, aufger?umten Wohnumgebungen (in denen man nie mehrere Sachen gleichzeitig macht, sondern alles h?bsch hintereinander), betreiben ausschlie?lich direkte verbale Kommunikation, lesen ab und zu ein Gutes Buch und sind ansonsten viel an der frischen Luft.
Drumherum findet der Untergang des Abendlandes statt: mit jedem neuen Radio- oder TV-Sender steigt die Reiz?berflutung, mit jeder neuen Fernsehzeitschrift nimmt die Un?bersichtlichkeit zu, mit jedem Leitartikel, jeder Reportage, jeder noch so kurzen Meldung w?chst die allgemeine Gleichg?ltigkeit - und so weiter, bis schlie?lich alles in Tr?mmern liegt. (Unter den Anh?ngern dieser Theorie gibt es sogar einige, die sich nicht entbl?den, diesen niederschmetternden Befund auch noch unabl?ssig auf allen verf?gbaren Kan?len zum besten zu geben) Wir haben es satt, Medienkritik technikfeindlichen, kulturpessimistischen, medienabstinenten ?kologen ?berlassen zu sehen.

Wir schei?en auf medienfreie Zonen, Realit?tsparks, Programmbegr?nung, safer communication, Datenschutz!

5. Vorsprung durch Technik die begeistert


Die Macht der Medien, unser Bewu?tsein zu strukturieren, beruht allein auf der Macht der Gesellschaft, verbindliche Regeln f?r ihre Benutzung durchzusetzen. Wer Fernsehen schaut, um sich zu informieren, ist selber schuld, wenn er/sie belogen wird. Die Verwandlung von Fernsehbildern in brauchbares Material ist ein Proze?, der ohne den exzessiven Gebrauch der Fernbedienung (Kaffeemaschine usw.) nicht in Gang kommt.
Angewandte Medienpolitik ist nicht zuletzt angewandte Drogenpolitik - in den einschl?gigen Texten der Agentur Bilwet ist alles dazu gesagt. Fernsehen unter Drogen schafft Vorsprung durch Technik. Auf diese Weise kann man an zwei, drei netten Abenden erledigen, wozu sonst ein paar Kilo medientheoretischer Literatur n?tig gewesen w?ren.

6. Fernsehen ist die Gewi?heit


Ein solcher Medienzugriff au?erhalb der tradierten, ritualisierten Bahnen kratzt an dem Mythos, das Fernsehen sei ein Instrument sozialer Kontrolle. F?r den ?ffentlich-rechtlichen Heim-Altar der 60er Jahre mag diese Analyse richtig, gewesen sein, in einer Zeit aber, in der die Sendezeit pro Kanal, die Zahl der Kan?le pro Ger?t, die Zahl der Ger?te pro Haushalt usw. explodieren, erleben wir eben nicht totale Kontrolle, sondern die schleichende Aufl?sung aller Ebenen, auf denen ?berhaupt noch etwas me?bar ist.
Fernsehen ist kein St?ck mehr "die Gewi?heit, da? die Leute nicht mehr miteinander reden" (was Baudrillard mal behauptet hat und heute nur noch auf das Lesen von B?chern zutrifft), vielmehr wird beim Fernsehen gekocht, diskutiert, geschlafen, Sex gemacht, dieser Text geschrieben, gekifft, gearbeitet. Fernsehen ist am Ende nicht mal mehr die Gewi?heit, da? die Leute fernsehen.
Selbst wenn die elektronischen Medien ihre Benutzer tats?chlich so krank machen w?rden, wie man es uns fortw?hrend einzureden versucht, so w?re aus der Krankheit doch l?ngst eine Waffe geworden.

7. Reality TV


Die Medien merken das. Verst?rkt treten sie in der Rolle eines Arztes auf, der seine Patienten zu verlieren droht und seine einzige Chance in der Erzeugung neuer Symptome sieht, die, einmal diagnostiziert, dann einer umfassenden Behandlung bed?rfen. Ein naheliegender Ansatzpunkt sind die Nebenwirkungen der zuvor fehlgeschlagenen Therapie: Die Medien entdecken pl?tzlich, da? das Politische verschwunden ist, fordern, die Politik solle dagegen gef?lligst Politik machen, stellen ?berrascht fest, da? kein St?ck Politik gemacht wird, emp?ren sich - und Millionen von Leuten, die das vorher einen Schei?dreck interresiert hat, fallen simultan in ein Vakuum und bilden pl?tzlich wieder ein Publikum.
Der Medieneffekt, der in den letzten Jahren als "Politikverdrossenheit" popul?r geworden ist (Politikkonsumenten fordern von Politikproduzenten sekund?rpolitische Sekund?rtugenden, z.B. Ordnung in der Asylpolitik, P?nktlichkeit beim Regierungsumzug oder Sauberkeit im Bildungswesen, als Ersatz f?r die - l?ngst imagin?r gewordene - Realpolitik), impliziert tats?chlich schon Virtualfaschismus, Weimarretro. Fatal ist dabei die Tendenz zur R?ckkopplung: Kommt es zu einem Kurzschlu? zwischen Medien und Medieneffekt (das Modell Berlusconi '94), kippt das Politische mit einer derartigen Wucht ins Reale zur?ck, da? es nur so scheppert: Reality TV - they mean it, maan!

8. Offener Kanal, geschlossene Gesellschaft


Gegen die herrschende Realit?t kommt man mit dem Konzept Gegen?ffentlichkeit vermutlich am allerwenigsten an, so wichtig die unter diesem Motto entstandenen Organe f?r die Konstituierung und Archivierung dissidenter Bewegungen auch gewesen sind. Wer glaubt, dem Medienapparat seine eigene Maschine entgegensetzen zu m?ssen, f?hrt keinen Angriff, sondern einen Dialog, hat das von den Medien vorgegebene Niveau der Auseinandersetzung l?ngst internalisiert, macht sich auf den Langen Marsch und endet als Bereicherung der Medienlandschaft.
Wir wollen keine Quotierung, Programmoasen, Offenen Kan?le. Wir lassen uns nicht featuren!

9. Kommunikationsverweigerung


Parallel zum antimedial-autonom-anarchistischen Medienumgang bietet sich f?r die Arbeit in den Medien das Prinzip der unvorhergesehenen Vermischung an. Haschisch in Filmdosen ist blo? ein Anfang, die Pizza auf dem Plattenspieler vielleicht mehr als ein Versehen. Die Wasserpistole in der Talkshow (Fritz Teufel) war zwar nur ein kleiner Schritt f?r die Menschheit, aber ein gro?er Schritt f?r die Medienkritik. Die Rauchbombe in der Live?bertragung w?re ein logischer Schritt f?r uns alle. Die einzige M?glichkeit n?mlich, im Innern der Medien nicht sofort zu Information verarbeitet und damit neutralisiert zu werden, besteht darin, in den Medienapparat Material einzuschleusen, das zum jeweiligen Programm ganz und gar inkompatibel ist: kleine, unvorhergesehene Objekte, die den Informationsflu? unterbrechen, ohne selbst auch nur das geringste Ma? an Information zu liefern.
Worum es geht, ist, die vorgegebenen Programmabl?ufe und Bedeutungsniveaus im richtigen Moment zu unterlaufen, um irreparable Sch?den anzurichten und absolut unkommentierbar zu werden.

10. Television will not be revolutionized


Worum es nicht geht, ist, im Innern der Medien irgendwelche Mi?st?nde beheben oder Fehlentwicklungen korrigieren zu wollen. Worum es nicht geht, ist, in die Klagen derer einzustimmen, die die Verfassung der Medien f?r desolat und ihre Effekte insgesamt f?r verheerend halten.
Benutzt die Medien, wie es euch in den Kram pa?t! La?t euch um keinen Preis zum Thema machen - macht die Medien zu euerm Raum! Macht es euch bequem - und bleibt in Bewegung! Schaut nicht hin - greift ein! Werdet Viren! Baut Maschinen! Bildet Ambulanzen!


Seitenanfang
About
Aktuell
Content
Theoriesampling
Substreams
Playlists
Rhizom
Tagebuch
Kontakt