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Stuart Hall - Interview - Das Kapital will Sex

KULTURELLE DIFFERENZ Der britisch-jamaikanische Philosoph und Vordenker der "Cultural Studies", Stuart Hall, ?ber Multikulturalismus, hedonistischen Kapitalismus und die Gespenster der liberalen Demokratie.

"Nie werde ich vergessen, wie ich in England landete. Meine Mutter brachte mich her - mit meinem Fellhut, meinem Mantel und meinem Seemannskoffer und lieferte mich in Oxford ab. Sie ?bergab mich dem erstaunten College-Diener und sagte: ?Dies ist mein Sohn, sein Koffer, seine Sachen. Pass auf ihn auf.?"
So beschreibt der 1932 auf Jamaika geborene Kulturphilosoph Stuart Hall seinen Eintritt in die akademische Welt. Ein halbes Jahrhundert sp?ter gilt Hall, der von 1968 bis 1979 das Center for Contemporary Cultural Studies leitete und bereits in den f?nfziger Jahren zu den Leitfiguren der britischen Neuen Linken z?hlte, als einer der einflussreichsten Denker nicht nur der westlichen Hemisph?re: Seine ?berlegungen zu kultureller Differenz und zur schwarzen Diaspora machen ihn zur Identifikationsfigur junger Intellektueller gerade auch an den Randlagen des akademischen Establishments. Begriffe wie Hybridit?t, Identit?tspolitik, kulturelle Hegemonie oder Antiessenzialismus wurden von Hall auch einem nicht akademischen Publikum zug?nglich gemacht.

FREITAG: Ihre Kindheit auf Jamaika scheint einen wichtigen Motor f?r Ihr Engagement gegen den Kolonialismus zu bilden.
STUART HALL: In meinem Fall war diese Erfahrung absolut pr?gend. Ich wei? nur, was ich nicht bin: Ich bin nicht das, was meine Familie von mir erwartet hat, und ich bin nicht an dem Platz, den mir die Gesellschaft zugewiesen hat. In diesem Sinn habe ich keine Idee davon, wer ich bin. Deshalb ist es auch wenig ?berraschend, dass ich ein Antiessenzialist bin und f?r Hybridit?t eintrete. Ich war nie ein zorniger Revolution?r. Ich war nur unzufrieden mit jeder Form von Sich-Niederlassen, mit der ich mich identifizieren sollte. Sie k?nnen viele der Themen, ?ber die ich geschrieben habe, davon ableiten. Es w?re aber ein Missverst?ndnis, anzunehmen, dass ich das immer schon gewusst h?tte. Ich habe das erst sp?ter, auf Umwegen, entdeckt. ?hnliches erz?hlt der Kolonialismusforscher Edward Said aus seiner Kindheit ... Edwards Familie unterscheidet sich sehr von meiner. Trotzdem gibt es ?hnlichkeiten, denn unsere Biografien haben mit einer tiefen Erfahrung kolonialer Kindheit zu tun: der Unm?glichkeit, sich zu identifizieren. Ich kann niemals britisch sein oder westlich, ich kann nie europ?isch sein, auch wenn ich mein Leben im Schatten von alldem gelebt habe. ?hnlich wie Said haben Sie sich als Kind w?hrend des Zweiten Weltkriegs auch mit dem Gegen?ber des British Empire identifiziert. Das stimmt. In unseren Kriegsspielen habe ich immer die Rolle des Nazi-Generals gespielt. Ich wusste zwar nicht, wor?ber ich redete, aber ich konnte mir nicht einmal in meiner kindlichen Fantasie vorstellen, in der Position des schneidigen Soldaten der britischen Armee zu sein. Ich habe es vorgezogen, auf der anderen Seite zu stehen und einen Panzer zu fahren. Vor dem Hintergrund Ihrer kolonialen Erfahrung haben Sie auch begonnen, die Bedeutung von Kultur f?r eine politische Artikulation zu untersuchen. Sind Sie also gl?cklich mit dem Siegeszug der Kulturindustrie? Ja und nein. Ich habe nie gedacht, dass die Kultur die ?konomie retten k?nnte. Es gibt keine Garantie daf?r, dass die Politik des Begehrens nur von guten Menschen betrieben wird. Symbole sind extrem labil und k?nnen jederzeit von der anderen Seite hegemonial besetzt werden. Nehmen Sie das Hakenkreuz als Beispiel. In der Motorradfahrerszene (im Kalifornien der sechziger Jahre, Anm.) wurde es zu einem Symbol des Widerstands, nicht weil die Biker Faschisten gewesen w?ren, sondern weil es ein Symbol war, das von der Gesellschaft gehasst wurde.



Was aber, wenn die B?sen die Symbole besetzen und verf?hrerische Identit?ten anbieten? Ich zweifle keinen Moment daran, dass hier eine bestimmte Form von Faschismus ansetzen kann. Aber deswegen kann ich auch nicht zum alten, essenzialistischen Begriff von Identit?t zur?ckkehren. Ich muss auf dem neuen Grund stehen und den Kampf austragen. Daf?r, dass wir ihn auch gewinnen, gibt es allerdings keine Garantie. Der Triumph des Faschismus, der Triumph des Marktkapitalismus ist durchaus m?glich. Das Einzige, wonach man trachten kann, ist, den politischen Kampf m?glichst effizient zu f?hren. Die Bedeutung, die Sie der symbolischen Sph?re einr?umen, hat aber auch zu der ?berzogenen Auffassung gef?hrt, es handle sich bei Politik ?berhaupt nur mehr um symbolische K?mpfe. Das ist die klassische und mitunter auch zutreffende Kritik an den Cultural Studies: Nachdem wir uns von einer reduktionistischen Sichtweise von ?konomie ab- und nur mehr der Kultur zugewandt hatten, h?tten wir die allein gelassene ?konomie neu ?berdenken m?ssen. Wir m?ssen das Kapital als globales Ph?nomen ernst nehmen und k?nnen das ?konomische nicht mehr allein in rein ?konomischen Begriffen verstehen. Die ?konomie gr?ndet n?mlich auf Subjekten, die sich f?r den freien Markt einsetzen. Wenn keiner die Position des Subjekts einnimmt, funktioniert das System nicht. Es gibt keine ?konomie ohne die Produktion von Subjekten. Und es gibt keine Subjekte ohne die Produktion von materiellen Umst?nden, in denen sie leben und mit denen sie sich herumschlagen. Wie geht man mit der oben erw?hnten Kritik an den Cultural Studies um? Ich teile die Auffassung, dass sich die Cultural Studies in das ?konomische zur?ckarbeiten sollen. Wenn Sie an das globale Finanzkapital denken, dann ist das sowohl ein reales System, das Ressourcen bewegt, und es ist gleichzeitig ein symbolisches System, das aus reiner Information besteht. Das so genannte ?konomische und das so genannte Kulturelle sind miteinander so eng verflochten, dass ich von einer ?konomie der Kultur spreche. Musik, und im Besonderen Reggae, taucht in Ihren Schriften immer wieder als zentrales Medium der schwarzen Diaspora auf. Hat sich Ihr Optimismus diesbez?glich ver?ndert? Ich w?rde sagen, dass es dieses widerst?ndige Potenzial nach wie vor gibt. Es ist momentan in versteckter Form vorhanden - sogar in der zeitgen?ssischen schwarzen Dancehall, die ein sehr kompromittierter Bereich ist, weil sie von Heterosexismus und Anti-Schwulen-Propaganda ?berschwemmt ist. Sogar f?r die etablierte Mittelklasse von Kingston, Jamaika, die am Wochenende zum Shoppen nach Miami f?hrt, hat die Dancehall-Musik immer noch das Potenzial, Widerstand zu bef?rdern. Auch wenn es nicht der Widerstand der siebziger Jahre und der ersten B?rgerrechtsbewegung ist. Allerdings ist auch das Gegenteil richtig. Black Music hat auch damit zu tun, dass der schwarze K?rper nicht mehr Gegenstand von Abscheu ist, sondern auf die Vorderseite der Mode-Magazine gewechselt ist. Es gibt keinen Zwischenraum, in dem er ein "normaler" K?rper sein kann. Er war etwas Niedriges und ist jetzt smooth und manik?rt, repr?sentiert Hypermaskulinit?t und Hypersexualit?t. Sie sehen, welche Spannungen in diesen Symbolen nach wie vor vorhanden sind, weil sie so viel Bedeutung und Identifikation transportieren. Wenn Sie ein schwarzes Publikum ansprechen wollen, m?ssen Sie ?ber K?rperbilder kommunizieren. Die Werbung braucht diese Bilder, das Kapital braucht sie, weil sie so m?chtig sind. Auch wenn die Darstellungen des Anderen zum Medienalltag geworden sind, ist die westliche Welt dennoch voll von Gespenstern. Gegenw?rtig scheint der Fundamentalismus diese Rolle ?bernommen zu haben. Das westliche System hat das symbolische Andere in Form der Sowjetunion verloren und findet nun ein neues symbolisches Anderes, mit dem argumentiert werden kann: Sch?tzt eure liberale Demokratie vor den fundamentalistischen Feinden, die die Welt erobern.



Was kann man dem entgegenhalten? Gehen wir davon aus, dass ein westliches Publikum folgende Vorschl?ge ernst nimmt: dass es, erstens, nicht nur eine Form von Islam gibt; dass der Islam, zweitens, nicht grunds?tzlich im Gegensatz zur Moderne steht und dass es, drittens, im Westen mehr Fundamentalismus gibt als in der Dritten Welt und im Islam. Sprechen wir doch dar?ber, wie der amerikanische Kapitalismus seine sicherste H?lle in der fundamentalistischen protestantischen Religion findet. Mr. Bush als wei?er Paptist kommt genau aus dieser Konstellation. Er will die Bildschirme von Obsz?nit?ten s?ubern; gleichzeitig treibt er den neoliberalen Kapitalismus voran. Wenn wir die monolithische Vorstellung von Fundamentalismus durchbrechen, l?sen wir die Konturen der Opposition - wir sind die Modernen und die anderen sind Fundamentalisten - auf. Auch in der Sexualit?t scheint es einen ?hnlichen Widerspruch zwischen den Massenmedien und der Wirklichkeit zu geben... Wenn Sie sich die Popkultur, die Musik, die Mode, die Street Culture anschauen, stimme ich Ihnen zu, dass Hedonismus auf dem Pr?sentierteller serviert wird. Nat?rlich ist es dem Feminismus und auf bestimmte Weise auch der Schwulenbewegung ?hnlich ergangen wie der schwarzen B?rgerrechtsbewegung: Sexualit?t im Dienste des Hedonismus des neuen Kapitalismus. Er gibt dir die Illusion, dass alles m?glich und jede Lebensform erlaubt ist. Das ist ein Punkt, in dem ich Slavoj Zizek zustimme: Trotz der scheinbaren Offenheit eines "Alles geht" im neuen, hedonistischen liberalen Kapitalismus geht eben nicht alles. An den Grenzen wird patroulliert. Sie d?rfen die symbolische Welt der Werbung etwa nicht als eine reine Spiegelung der sozialen Beziehung denken. Die Leute achten sehr genau darauf, was richtig ist und was pathologisch, ungeh?rig und deviant. Man ist sich der entfesselten Wirkung des libidin?sen Elements als einer fundamental zerst?rerischen Kraft, die gegen jede Festigung von Macht gerichtet ist, sehr wohl bewusst. Stimmen Sie Zizek auch in seiner Kritik am Multikulturalismus zu, den er f?r eine leere liberale Rhetorik h?lt? ?berhaupt nicht. Er verwendet das Wort Multikulturalismus als Schimpfwort. Es macht ihm Spa?, Leute, die man f?r Freunde h?lt, zu Feinden zu machen. Er spricht weniger ?ber den Feind, den Kapitalismus, den Faschismus, nicht einmal ?ber Rassismus, sondern nur ?ber die Multikulturalisten. Das ist genau die Strategie der 3. Internationale, die zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg mehr damit besch?ftigt war, gegen die Sozialdemokratie zu polemisieren als gegen den Faschismus. Die Sozialdemokraten galten als die wirklichen Sozialfaschisten. Die Documenta-Plattform, in deren Rahmen Sie in Wien referiert haben, nennt sich "Democracy Unrealized". W?re es nicht sinnvoller, stattdessen von einem nicht verwirklichten Sozialismus zu sprechen? Ja, irgendwie schon. Aber das w?rde nat?rlich andere Fragen aufwerfen: Der Sozialismus war wohl nicht unbedingt demokratisch in dem Sinne, in dem wir den Begriff Demokratie gemeinhin verwenden. Denken Sie nur an das Konzept "die Diktatur des Proletariats". Ich denke, dass die Erz?hlungen von Demokratie und Sozialismus miteinander verwoben sind und es darauf ankommt, welchen Blickwinkel man anstrebt. Das Thema der unverwirklichten Demokratie ist f?r ein westliches Publikum gewisserma?en ein "Heimspiel": Wir alle leben in Gesellschaften, in denen nicht nur die Vorstellung herrscht, dass sie demokratisch sind, sondern dass dieser Form der Demokratie die endg?ltige Form politischer Freiheit ist.


Ist die Demokratie also doch schon realisiert? Demokratie ist eine allgemeine Idee, die bestimmte Inhalte hat. Ihre Aufgabe bestand immer darin zu zeigen, wie die allgemeine Idee in einer konkreten Gesellschaft realisiert werden kann. Diese Allgemeinheit ist immer erweitert worden - in einem Spannungsverh?ltnis zu den konkreten Umst?nden. Die liberale Demokratie behauptet nun: Es gibt keine Steigerungsstufe, die sie erreichen k?nnte. Mir geht es darum zu zeigen, wie begrenzt die liberale Demokratie ist, gemessen an den M?glichkeiten einer radikalen Idee von Demokratie. Aufgeschlossen zeigt sie sich n?mlich lediglich einer bestimmten Version neoliberaler Orthodoxie und einer bestimmten Sto?richtung des globalen Kapitalismus gegen?ber. In den jungen Demokratien in Mittel- und Osteuropa wird h?ufig kritisiert, dass Demokratie lediglich den Anschluss an westliche Marktstandards bedeutet. Gibt es dazu keine Alternative? Nat?rlich gibt es die. Wir haben noch nicht einmal begonnen dar?ber nachzudenken, wie der Kampf zu f?hren ist, um die Demokratie ?ber die liberale Demokratie hinauszuf?hren, welche Forderungen erhoben werden sollten - in Fragen der ?kologie, der Sexualit?t, im Verh?ltnis von Kapitalismus und Natur. Was hat das westliche Demokratiemodell also anzubieten? Die liberale Demokratie betont in erster Linie ihr liberales Element: das Primat des Marktes, die Ver-Marktung des sozialen Lebens, die Auffassung, dass das ganze soziale Leben der Logik der Marktkr?fte unterworfen werden kann. Wenn das nicht nur im Westen, sondern auch in Osteuropa und dem Rest der Welt zur hegemonialen Idee wird, geraten wir in ernsthafte Schwierigkeiten, denn sie verbreitet sich in der Gestalt des popularen Geschmacks, nach dem Motto: Den Leuten gef?llt es, lasst doch die Massen entscheiden. Ich glaube jedoch, es handelt sich um ein ideologisches Man?ver, um alles zu rechtfertigen, was passiert.

Das Gespr?ch f?hrte Matthias Dusini. Eine dreib?ndige Ausgabe ausgew?hlter Schriften von Stuart Hall ist im Hamburger Argument Verlag erschienen.


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