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Koppstoff - KANAK ATTAK UND BASTA! Es geht ab! Kanak Attak!

KANAK ATTAK UND BASTA!

Kanak Attak ist ein selbstgew?hlter Zusammenschlu? verschiedener Leute ?ber die Grenzen zugeschriebener, quasi mit in die Wiege gelegter "Identit?ten" hinweg. Kanak Attak fragt nicht nach dem Pa? oder nach der Herkunft, sondern wendet sich gegen die Frage nach dem Pa? und der Herkunft.



Unser kleinster gemeinsamer Nenner besteht darin, die Kanakisierung bestimmter Gruppen von Menschen durch rassistische Zuschreibungen mit allen ihren sozialen, rechtlichen und politischen Folgen anzugreifen. Kanak Attak ist anti-nationalistisch, anti-rassistisch und lehnt jegliche Form von Identit?tspolitiken ab, wie sie sich etwa aus ethnologischen Zuschreibungen speisen.



Wir wenden uns schlicht gegen jeden und alles, was Menschen ausbeutet, unterdr?ckt und erniedrigt. Erfahrungen, die keineswegs nur auf die sog. "Erste Generation" von Migranten beschr?nkt bleiben. Das Interventionsfeld von Kanak Attak reicht von der Kritik an politisch-?konomischen Herrschaftsverh?ltnissen und kulturindustriellen Verwertungsmechanismen bis hin zu einer Auseinandersetzung mit Alltagsph?nomenen in Almanya. Wir setzen uns f?r die allgemeinen Grund- und Menschenrechte ein, bef?rworten jedoch zugleich eine Haltung, die sich von dem Modell der Gleichheit absetzt und die sich gegen die Unterwerfung durch eine hegemoniale Kultur richtet - egal ob diese als "globale Postmoderne" oder als dumpfes Teutonentum daher kommt. Was richtig ist, mu? in der jeweiligen Situation verhandelt und entschieden werden.



Seit Jahrzehnten existieren Vereine oder Initiativen, die auf die politische Situation, Lebensverh?ltnisse und den Alltag von Nicht-Deutschen hinweisen. Gleichwohl bleiben diese Bestrebungen auf eine eingeschr?nkte ?ffentlichkeit reduziert - zumeist auf die eigene Community. Kanak Attak macht keine Lobbypolitik, setzt sich von konformistischer Migrantenpolitik ab und will in Form und Inhalt offensiv eine breitere ?ffentlichkeit ansprechen. Es ist Zeit, den Kuschel-Ausl?ndern und anderen das Feld streitig zu machen, die ?ber Deutschland lamentieren, Respekt und Toleranz einklagen ohne die gesellschaftlichen und politischen Zust?nde beim Namen zu nennen. Wir wollen weder ihre Nischen noch akzeptieren wir ihre Anma?ung uns, also dich und mich, zu repr?sentieren.



Das Ende der Dialogkultur



Obwohl Kanak Attak f?r viele nach Stra?e riecht, ist es kein Kind des Ghettos. So h?tten es die Sp?rhunde der Kulturindustrie gerne, die auf der Suche nach authentischem und exotischem Menschenmaterial sind, das den vermeintlich grauen Alltag bunter werden l??t. Dazu passt die Figur des jungen, zornigen Migranten, der sich von ganz unten nach oben auf die Sonnenseite der deutschen Gesellschaft boxt. Was f?r eine r?hrende neoliberale Geschichte k?nnte da erz?hlt werden, wie sich Wut in produktives kulturelles und ?konomisches Kapital verwandelt: Eine wahre Bereicherung f?r die deutsche Literatur und den deutschen Film! Ein echter Gewinn f?r den heimischen Musikmarkt! Sie sollen nur kommen.



Kanak Attak grenzt sich bewu?t gegen ein Politikverst?ndnis ab, das glaubt, mit Veranstaltungen wie dem "Tag des ausl?ndischen Mitb?rgers", Folklore in Maxi-Versionen und humanistischen Kampagnen den Dialog und das friedliche Zusammenleben zwischen Kanaken und der Mehrheitsgesellschaft zu f?rdern. Diese Toleranz-Leier war zwar nicht ganz umsonst. Hansemann und Trudefrau wissen inzwischen auch Gyros-Kebab-Chop-Sui zu sch?tzen. Oh l? l?!

Und wenn das Wetter gut und das Gewissen schlecht ist, wird das Auto mit dem Aufkleber "Ausl?nder, lasst uns nicht mit diesen Deutschen allein!" versehen. Kanak Attak ist keinE FreundIn des M?ltik?lt?ralizm. Viele Bef?rworter hat dieses Modell aber ohnehin nicht mehr.
Als ob es jemals ?ber den Status kommunalpolitischer Experimente hinausgekommen, ja hegemonial gewesen w?re, reden Teile des Mainstreams inzwischen vom Scheitern der multikulturellen Gesellschaft. Da bleibt die Forderung nach assimilierter Integration und Unterwerfung nicht aus. Man selbst
ist ja so offen, demokratisch, hybrid, ironisch. Aber die "Anderen"! Verschlossen, traditionalistisch, sexistisch, humorlos, fanatisch - mit einem Wort: fundamentalistisch. Klar, was den Migranten vor allem fehlt ist Toleranz.
Und wer sich nicht in die offene Gesellschaft eingliedern will, der hat im aufgekl?rten Almanya nichts verloren. Dabei wird die Toleranz aus einer dominanten Position gefordert und bestehende Herrschaftsverh?ltnisse unterschlagen. Das ist eine infame Umkehrung der Verh?ltnisse. Dieser Logik folgt auch die Warnung vor zu lauter Kritik. Die sei n?mlich nicht nur ungeh?rig sondern, so wird man aufgekl?rt, k?nnte Vorurteile bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft produzieren. Dies alles weisen wir entschieden zur?ck.



Doch das ist nur eine Variante des Rassismus in Deutschland. Die Durchsetzung von national befreiten Zonen im Osten der Republik geht einen Schritt weiter: Ausl?nderfrei soll das Land werden.



Enter the politics



Kanak Attak tritt grunds?tzlich gegen den Status 'Ausl?nder' an, der auch bei partieller Gew?hrung von B?rgerrechten alles andere als unseren Vorstellungen entspricht.
Ohne da? wir es f?r den Himmel auf Erden erachten, wenn alle P?sse, Wahlrecht oder ?hnliches bekommen, erscheint es uns doch als notwendige Voraussetzung, da? jeder wenigstens auf rein formaler Ebene gleiche Rechte genie?t. Deshalb begr??en wir alle Vorhaben zum Abbau von Ungleichheit, kommt doch der Frage der Staatsb?rgerschaft gerade auch in Anbetracht allt?glicher Fragen betr?chtliche, mitunter existentielle Bedeutung zu. Man denke nur an den Abschiebungsschutz bei Drogengebrauch, Arbeitslosigkeit oder unliebsamer politischer Bet?tigung.
Und nicht zuletzt ist es nat?rlich sch?n, wenn man zumindest innerhalb der EU spontan und ungehindert reisen kann. Eine wenigstens formal-juristische Gleichheit aller w?rde es auch erleichtern, ?ber ?konomische Ursachen sozialer Ungleichheit nachzudenken und diese zu bek?mpfen.



Seit der letzten Bundestagswahl zeichnet sich eine neue Konstellation ab. Die M?glichkeit der doppelten Staatsb?gerschaft - "Hosgeldiniz yeni vatandaslar! Herzlich willkommen neue Landsleute!" (Bild) - weicht zum ersten Mal seit dem Faschismus das Blutsprinzip auf, die vermeintlich schicksalhafte Verbundenheit mit dem Staatsvolk durch Geburt, zum gro?en ?rger von Konservativen, Rassisten und Rechten. Doch ?Vorsicht! Die Priviligierung von bestimmten Einwanderern geht einher mit dem Ausschlu? anderer Menschen. Das Abwinken der rot-gr?nen Koalition was die Frage der Einwanderung, des Asyls und die Lage von Fl?chtlingen betrifft, die fortgesetzte Praxis, Illegalisierte als Kriminelle abzustempeln und die Abschiebung unliebsamer Menschen per Ausl?ndergesetz sprechen eine deutliche Sprache. Das alles zielt auf eine offene oder subtile Spaltung zwischen genehmen, geduldeten und unerw?nschten Gruppen, denen mehr, weniger oder gar keine Bewegungsfreiheit zugestanden wird.



Die Liste der G?ngelungen ist lang. Ob sie nun in Form von Gesetzen und Verwaltungsvorschriften oder als ethnologische Gesichtskontrollen in Fu?g?ngerzonen, Bahnh?fen und auf der Stra?e daherkommen, sie stehlen den Leuten Raum und Zeit. Von Angriffen auf Leib und Leben als solcher sichtbarer Kanaken, die im einheimischen Dschungel an der Tagesordnung sind, einmal ganz zu schweigen. Die sind aber nicht nur das Gesch?ft des teutonischen Faustrechts, sondern auch der staatlichen Asyl- und Abschiebepraxis, die man getrost eine Summe von Niedertr?chtigkeiten und Gemeinheiten nennen kann.



Gegen zeitgen?ssische Gewi?heiten



Der Rassismus artikuliert sich in Deutschland gegenw?rtig vor allem in kulturalistischer Form. Wie in anderen europ?ischen L?ndern bietet der Islam eine Projektionsfl?che f?r unterschiedliche Rassismen. Dabei geht es nicht zuletzt auch um das Phantasma der Unterwanderung durch fremde M?chte. Deshalb sind wir der Meinung, da? man gegen alle Hindernisse zu k?mpfen hat, die eine Anerkennung des Islams als gleichberechtigte Glaubensstr?mung verhindern. F?r uns kommt der Islam nicht als homogene Ideologie daher. Mit der allt?glichen Religionsaus?bung hat der organisierte politische Islam, den wir g?nzlich ablehnen, wenig zu tun.
Dennoch: Der Anti-Islamismus bildet die Grundlage des neuen neorassistischen Konsens der bundesdeutschen Gesellschaft. Nicht zuletzt weil gewisse Essentials von 68 allm?hlich zum gesellschaftlichen Standard geworden sind. Also etwa ein ver?ndertes Geschlechterverh?ltnis oder das Zur?ckdr?ngen religi?s begr?ndeter Normen und Alltagspraktiken. Im Kopftuch-Diskurs verdichten sich solche Zuschreibungen. An diesem Punkt entdeckten sogar reaktion?re Politiker ihr Herz f?r die unterdr?ckte Frau, so lange man ihre Unterdr?ckung dem ach so r?ckst?ndigen Islam in die Schuhe schieben kann.



Eine andere rassistische Denkfigur, die es unbedingt zu attackieren gilt, ist die Vorstellung, da? die Zusammensetzung von Bev?lkerungen nicht dem Zufall ?berlassen, sondern irgendwie reguliert oder gesteuert werden m?sse. Dieser Quark ist so verbreitet, da? er einem in Gestalt des Ausl?ndergesetzes genauso entgegenschl?gt wie in der des T?rstehers, der im coolen Club der Saison mit wichtiger Miene ?ber die "richtige Mischung" wacht. Wer ein Verst?ndnis daf?r zeigt, da? auch andere gerne selbst entscheiden m?chten, wo und wie sie leben oder sich am?sieren wollen, wird h?ufig von Wohlmeinenden auf den Problemdruck hingewiesen, den die unkontrollierte Einwanderung zur Folge habe. Ein "Zuviel" von den einen und ein "Zuwenig" von den anderen sorge im besten Falle f?r schlechte Stimmung. Die Toleranten und Aufgekl?rten suchen sich dann gegebenenfalls einen neuen Club oder einen "intakteren" Stadtteil aus. Andere, die wahre Arschloch-Fraktion, erhofften sich Abhilfe von Nazi-Parteien oder n?hmen das Gesetz gleich selbst in die Hand. Wir fordern nicht einfach die Ausdehnung der staatsb?rgerlichen und anderer Privilegien auf eine zus?tzliche Gruppe, sondern stellen die scheinbar selbstverst?ndliche Regelung des "Drinnen" und "Drau?en", die Hierarchisierung der Lebensm?glichkeiten durch Rassismus als solche in Frage. Punktum e basta.



Repr?zent? - Repr?zent!



Kanak Attak bietet eine Plattform f?r Kanaken aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen, denen die Leier vom Leben zwischen zwei St?hlen zum Hals raush?ngt und die auch den Quatsch vom l?ssigen Zappen zwischen den Kulturen f?r windigen Pomokram halten. Kanak Attak will die Zuweisung von ethnischen Identit?ten und Rollen, das "Wir" und "Die" durchbrechen. Und weil Kanak Attak eine Frage der Haltung und nicht der Herkunft oder der Papiere ist, sind auch Nicht-Migranten und Deutsche der n2-Generation mit bei der Sache. Aber auch hier wieder ?ojo! Die bestehende Hierarchie von gesellschaftlichen Existenzen und Subjektpositonen l??t sich nicht einfach ausblenden oder gar spielerisch ?berspringen. Es sind eben nicht alle Konstruktionen gleich. Damit bewegt sich das Projekt in einem Strudel von nicht aufl?sbaren Widerspr?chen, was das Verh?ltnis von Repr?sentation, Differenz und die Zuschreibung ethnischer Identit?ten anbetrifft.



Dennoch: Wir treten an, eine neue Haltung von Migranten aller Generationen auf die B?hne zu bringen, eigenst?ndig, ohne Anbiederung und Konformismus. Wer glaubt, da? wir ein Potpourri aus Ghetto-HipHop und anderen Klischees zelebrieren, wird sich wundern. Wir sampeln ganz selbstverst?ndlich verschiedene politische und kulturelle Drifts, die allesamt aus einer oppositionellen Haltung heraus operieren. Wir greifen auf einen Mix aus Theorie, Politik und k?nstlerischer Praxis zur?ck.
Kanak Attak sinniert nicht ?ber Kulturkonflikte, lamentiert nicht ?ber fehlende Toleranz. Wir ?u?ern uns: mit Brain, fetten Beats, Kanak-Lit, audio-visuellen Arbeiten und vielem mehr. Dieser Song geh?rt uns.



Es geht ab. Kanak Attak!


November 1998



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